Langjähriger Pestizid-Kontakt erhöht Risiko für ein Multiples Myelom

Dirk Förger | 2. Januar 2013

Autoren und Interessenskonflikte

Wer langjährig in der Landwirtschaft arbeitet, hat ein erhöhtes Risiko, an einem Multiplen Myelom zu erkranken – insbesondere nach regelmäßigem Einsatz von Pestiziden. Auch bei Mitarbeitern von Reinigungsdiensten und bei Druckern ist die Wahrscheinlichkeit leicht erhöht, an dieser Art des Krebses zu erkranken. Darüber hinaus scheint der Bildungsgrad eine Rolle zu spielen. Dies sind die Ergebnisse der EPILYMPH-Studie, die an 22 Zentren in sechs europäischen Ländern durchgeführt wurde. Dagegen konnte kein direkter Zusammenhang zwischen organischen Lösungsmitteln und dem Multiplen Myelom nachgewiesen werden.

Detaillierte Befragung über langen Zeitraum

Dies war für die Forscher insofern überraschend, als die Ergebnisse anderer Untersuchungen einen größeren Einfluss organischer Lösungsmittel erwarten ließen. „Immerhin bestätigen die Ergebnisse aber vorhergehende Studien, die einen Zusammenhang von Multiplem Myelom und langjährigem Einsatz von Pestiziden nahelegten“, betont Prof. Dr. Carla Perrotta vom Hospital Italiano de Buenos Aires. Die Erstautorin der aktuellen Untersuchung hebt die Kooperation der beteiligten Zentren hervor: „Weil das Multiple Myelom nicht sehr häufig auftritt, sind wir auf eine solche Zusammenarbeit angewiesen.“ Perrotta erklärt aber auch, dass die Auslöser eines Multiplen Myeloms bisher in den meisten Fällen nicht bekannt seien.

Bei EPILYMPH handelte es sich um eine multizentrische Fallkontrollstudie, in der sehr detailliert Risikofaktoren während des Berufslebens analysiert wurden. Dabei verglichen die Forscher 277 Multiple-Myelom-Patienten mit 1108 gesunden Probanden, deren Alter und Geschlecht korrespondierte. Die Rekrutierung der Teilnehmer startete 1998 und endete 2004. In den Interviews wurden die Probanden mit Hilfe von standardisierten Bögen interviewt, in denen es zum Beispiel um Gewicht und Größe, Rauchgewohnheiten, Bildung sowie den Kontakt mit Tieren ging. Außerdem fragten die Wissenschaftler nach Art der Arbeit und deren Dauer. Nicht zuletzt erkundigten sie sich nach dem Umgang mit Substanzen, die vorher als mögliche Krebs-Auslöser eingeschätzt worden waren: Pestizide, organische Lösungsmittel, Strahlung und Stäube.

Landwirte, Reinigungskräfte und Drucker betroffen

Die Analysen ergaben, dass neben Landwirten und Reinigungskräften auch Drucker, die mehr als zehn Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatten, ein leicht erhöhtes Risiko trugen. Die Wissenschaftler wiesen allerdings wegen der geringen Fallzahlen darauf hin, dass die Ergebnisse bei Reinigungskräften und Druckern vorsichtig interpretiert werden müssen. Bei organischen Lösungsmitteln reichten die bisherigen Ergebnisse wegen der überschaubaren Zahl an Probanden ebenfalls noch nicht für eine abschließende Beurteilung. Ganz eindeutig war jedoch der fehlende Zusammenhang zwischen Gewicht (Body-Mass-Index) oder Rauchen und Multiplem Myelom – zumindest in dieser Studie.

Ein erhöhtes Risiko für Multiple Myelome hatten hingegen Probanden mit einer (formal) geringen Bildung – und zwar unabhängig von ihrer Gefährdung über den Beruf. Dies wird von den Studienautoren so interpretiert, dass es noch andere Risikofaktoren geben muss, die möglicherweise mit den Lebensumständen dieser Menschen zusammenhängen und fordern weitere Untersuchungen. Außerdem räumen sie ein, dass die Studie einige Begrenzungen aufweise. So bestünden zwischen den einzelnen Ländern beispielsweise große Unterschiede in der Belastung mit Schadstoffen.

Krebserkrankung des Knochenmarks

Das Multiple Myelom als eine Krebserkrankung des Knochenmarks entsteht durch die unkontrollierte Vermehrung von geschädigten Plasmazellen. Deshalb wird das Multiple Myelom auch als Plasmozytom bezeichnet. Den Namen erhielt es wegen seines Erscheinungsbildes: Charakteristisch sind multiple Tumorherde im Knochenmark. Die jährliche Inzidenz liegt bei vier bis fünf von 100.000 Menschen. Der Häufigkeit der Erkrankung steigt nach dem 65. Lebensjahr rapide an. Ausgehend von einem veränderten Plasmazellklon kommt es zur destruktiven Ausbreitung des Zellklons in den Knochen. Die Myelomzellen wiederum aktivieren Osteoklasten,  die die Knochen in der Umgebung des Myelomherds auflösen. Außerdem ist die Bildung von roten Blutkörperchen gestört. Hinzu kommt der Anstieg des aus den Knochen gelösten Kalziums im Blut. Der Knochenabbau verursacht charakteristische Symptome - beispielsweise Knochenbrüche ohne äußere Ursache. Diese Form der Krebserkrankung trifft Männer häufiger als Frauen.

Referenzen

Referenzen

    Perrotta C et al,Journal of Occupational Medicine and Toxicology.2012; 7(25);
    doi:10.1186/1745-6673-7-25
    http://www.occup-med.com/content/pdf/1745-6673-7-25.pdf

Autoren und Interessenskonflikte

Dirk Förger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.
Der Autor ist Pressesprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

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