Dabigatran: Entwarnung zu schwerwiegenden Blutungen aufgrund neuer Datenlage

Sue Hughes | 27. Dezember 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Atlanta, USA ? Die Folgen schwerer Blutungen durch Dabigatran sind keineswegs schlimmer als unter Warfarin. Neue Daten weisen darauf hin, dass das Risiko sogar geringer sein könnte, obwohl bisher kein spezifisches Dabigatran-Antidot zur Verfügung steht.

Die Daten gerieten zeitgleich mit weiteren Berichten über gerichtliche Prozesse gegen die Firma Boehringer Ingelheim an die Öffentlichkeit. Die Kläger unterstellten, das Arzneimittel habe zu Todesfällen aufgrund von Blutungen beigetragen. Der Nachrichtendienst Bloomberg teilte mit, dass Boehringer Ingelheim sich in den USA mit mehr als 150 solcher Klagen konfrontiert sehe [1]. Das Unternehmen erklärte, sämtliche Klagen seien „unbegründet“ und könnten daher abgewehrt werden.

Auf der 54. ASH-Jahrestagung (American Society of Hematology 2012 Annual Meeting) wurden Daten vorgestellt, die darauf hindeuteten, dass die Folgen von Blutungsereignissen unter Dabigatran keineswegs schwerer gewesen waren. Senior-Autor der Untersuchung, Dr. Sam Schulman, McMaster University, Hamilton, USA, erklärte gegenüber heart wire: „Wir haben festgestellt, dass Patienten mit schwerwiegenden Blutungsereignissen unter Dabigatran eine geringere 30-Tage-Mortalitätsrate aufwiesen als jene unter Warfarin.“

Er fügte hinzu: „Hinsichtlich Blutungsrisiken unter Dabigatran gab es tatsächlich Bedenken, da kein spezifisches Antidot existiert. Der Ärzteschaft sollte aufgrund neuer Studienergebnisse vermittelt werden, dass der Wirkstoff keineswegs gefährlich ist. Schulman stellte fest, dass Dabigatran gegenüber Warfarin eine wesentlich kürzere Halbwertszeit habe und ergänzte: „Nach Absetzen des Arzneimittels und einer Blutersatztherapie sind Blutungen unter Dabigatran gut unter Kontrolle zu bringen.“

Schulman räumte allerdings ein, dass ein Antidot wünschenswert wäre, zum Beispiel wenn der Dabigatran-Spiegel aufgrund von Überdosierungen oder Nierenversagen übermäßig ansteigt. Boehringer Ingelheim entwickelt derzeit ein Antidot auf Basis monoklonaler Antikörper. Das Präparat befindet sich in der frühen Phase klinischer Prüfung.

In der aktuellen Studie untersuchten Schulman und Mitarbeiter die Folgen schwerwiegender Blutungen aus Phase-3-Studien, in denen Probanden über 6 – 24 Monate vergleichend mit Dabigatran oder Warfarin behandelt wurden.

Sie evaluierten sämtliche Berichte über „schwerwiegende Blutungen” gemäß Definition eines unabhängigen Ethikausschusses, wobei Blutungen ausgeschlossen wurden, die sich mehr als drei Tage nach Absetzen des Wirkstoffes ereignet hatten; sie galten als nicht arzneimittelbedingt.

Evaluiert wurden 1.034 schwerwiegende Blutungsereignisse

Die fünf untersuchten klinischen Studien umfassten insgesamt 26.000 Patienten (darunter 18.000 aus der RE-LY-Studie); 1.034 schwerwiegende Blutungsereignisse wurden evaluiert. Unter Dabigatran gab es häufiger schwerwiegende Blutungen (627) als unter Warfarin (407), da insgesamt mehr Patienten mit Dabigatran behandelt wurden, stellte Schulman fest. „In dieser Untersuchung ging es nicht um einen Vergleich der Häufigkeit schwerwiegender Blutungen, sondern vielmehr um die Behandlungsweise und die Folgen“, kommentierte er.

Die Ergebnisse der Untersuchung haben zudem gezeigt, dass Dabigatran-bedingte Blutungen häufiger durch Erythrozytengaben, und Warfarin-bedingte Blutungen häufiger mit Plasma behandelt wurden. Insgesamt betrachtet war die Menge verwendeter Blutprodukte vergleichbar.

Die 30-Tage-Mortalitätsrate bei Patienten mit schwerwiegenden Blutungsereignissen lag unter Dabigatran niedriger als unter Warfarin:  HR 0,55 (95% KI: 0,36 – 0,85).

Hospitalisierungsraten aufgrund von Blutungsereignissen waren in beiden Gruppen gleich, ebenso die mit 8 Tagen mittlere Dauer des Krankenhausaufenthaltes. Patienten unter Dabigatran verbrachten dabei weniger Nächte auf Intensivstation (1,9 vs. 3,2).

Zusätzlich zeigte sich unter Dabigatran ein Trend in Richtung geringerer chirurgischer Eingriffe zum Stoppen von Blutungen: 10,7% gegenüber 14,0% für Warfarin-bedingte Blutungen.

Was neurologische Funktionen in Folge intrakranieller Blutung betrifft, ergab sich mittels modifizierter Ranking-Skala zwischen den beiden Gruppen kein Unterschied.

Persistenz unter Dabigatran besser als unter Warfarin

Eine weitere auf der ASH-Tagung vorgestellte Untersuchung zeigte, dass die Persistenzraten bei neudiagnostizierten AF-Patienten (Atriale Fibrillation, AF) unter Dabigatran höher waren als unter Warfarin.

Die von Kevin Francis, Trinity Partners Consultants, Waltham, USA,  angeführte Studie hatte Patientendaten aus Versicherungsansprüchen des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums zu Dabigatran oder Warfarin-Behandlungen im Zeitraum von Oktober 2010 bis Juni 2012 analysiert.

Die Ergebnisse machten deutlich, dass in diesem Zeitraum 1.775 neudiagnostizierte, noch nicht behandelte Patienten mit Warfarin und entsprechend 3.370 mit Dabigatran behandelt worden waren. Die Persistenzraten betrugen nach 6 Monaten 64% unter Dabigatran gegenüber 41% unter Warfarin bzw. nach 12 Monaten 50% vs. 24%.

9,4% der Therapieabbrüche wurden von Warfarin auf Dabigatran, 5,9% von Dabigatran auf Warfarin umgestellt; sie waren bei Patienten mit geringem Schlaganfallrisiko am häufigsten, die Wahrscheinlichkeit war für beide Wirkstoffe etwa gleich hoch.

Dieser Artikel wurde von Dr. Immo Fiebrig aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Autoren und Interessenskonflikte

Sue Hughes
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Immo Fiebrig
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Francis/Trinity Partners ist als Berater für Boehringer Ingelheim tätig, sowie Schulman als Berater für Boehringer Ingelheim, Bayer, Sanofi, GlaxoSmithKline und AstraZeneca.

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