Rivaroxaban kann mit Standard-Antikoagulantien in der Behandlung venöser Thromboembolien (VTE) mithalten

Sue Hughes | 24. Dezember 2012

Autoren und Interessenskonflikte

ATLANTA, Georgia – Neue Daten aus einer gepoolten Analyse der Studien EINSTEIN-DVT und EINSTEIN-PE zur Behandlung von tiefen Venenthrombosen (deep vein thrombosis, DVT) oder Pulmonalembolien (PE) legen nahe, dass Rivaroxaban ähnlich wirksam in der Vorbeugung venöser Thromboembolien (VTE) ist wie Enoxaparin gefolgt von einem Vitamin-K-Antagonisten; und der neue Wirkstoff könnte zudem mit weniger Blutungen einhergehen. Außerdem erbrachte die Untergruppenanalyse ermutigende Ergebnisse für spezifische Risikogruppen, wie ältere und gebrechliche Menschen, Krebskranke oder Menschen, die große Blutgerinnsel haben. Rivaroxaban ist erst im vergangenen November von der Europäischen Kommission für die genannten Indikationen zugelassen worden; Medscape Deutschland berichtete [2].

Dr. Harry Büller vom Akademisch-Medizinischen Zentrum in Amsterdam, Niederlande, präsentierte die Daten beim Jahrestreffen 2012 der American Society of Hematology (ASH) [1]. Er beschrieb die identischen Designs der Noninferioritätsstudien EINSTEIN-DVT und EINSTEIN-PE beim Vergleich von oralem Rivaroxaban (3 Wochen lang zweimal täglich 15 mg und danach einmal täglich 20 mg bis zu 12 Monate lang) gegenüber Enoxaparin über 5 bis 10 Tage, gefolgt von einem oralen Vitamin-K-Antagonisten. Beide Studien zusammen hatten 8.282 Teilnehmer, davon die Hälfte Männer. Das Durchschnittsalter lag in beiden Therapiegruppen bei 57 Jahren.

Die gepoolte Analyse ergab für beide Therapien eine ähnliche Wirksamkeit. Der primäre Sicherheitsendpunkt – schwere und nicht schwere klinisch relevante Blutungen – war ebenfalls in beiden Armen der Studie ähnlich. Allerdings traten schwere Blutungen unter Rivaroxaban offenbar signifikant seltener auf.

Wichtigste Ergebnisse der zusammengeführten EINSTEIN-Datenbanken

Outcome

Rivaroxaban (%)

Enoxaparin/ Vitamin-K-Antagonist (%)

HR (95% KI)*

Rekurrenz thromboembolischer Ereignisse

2,1

2,3

0,89 (0,66–1,19)

Schwere oder nicht schwere klinisch relevante Blutungen

9,4

10,0

0,93 (0,81–1,06)

Schwere Blutungen

1,0

1,7

0,54 (0,37–0,79)

*HR = Hazard Ratio, KI = Konfidenzintervall
Büller kommentierte:  "In Bezug auf die Rekurrenz von Thromboembolien haben wir den klaren Nachweis der Nichtunterlegenheit und dazu eine erhebliche Reduzierung schwerer Blutungen im Vergleich zur aktuellen Standardtherapie. Zudem ist die orale Verabreichung sehr viel praktischer und das neue Mittel verlangt keine Überwachung."

Hochrisikogruppen im Fokus

Ärzte begrüßen es nach Büllers Ausführungen, das neue orale Antikoagulans jüngeren, kräftigeren Patienten verordnen zu können, aber bei gebrechlicheren und älteren Patienten, Krebskranken und Menschen mit einem hohen Blutungsrisiko ließen sie die übliche Vorsicht beim Verabreichen eines neuen Medikaments walten. Ärzte seien allgemein auch zögerlich, neue Wirkstoffe bei Patienten einzusetzen, die besonders große Blutgerinnsel haben. "Wir wollten uns diese Gruppen in der großen Datenbank der beiden EINSTEIN-Studien zusammen anschauen", so Büller.

Zunächst wurden die Daten von gebrechlichen Patienten analysiert, also von über 75-Jährigen mit einem Körpergewicht unter 50 kg oder mit Nierenversagen (Kreatinin-Clearance <50 mL/min). Das waren rund 790 Teilnehmer in jedem der Studienarme. Hier habe sich Rivaroxaban in der Tendenz als das wirksamere Mittel erwiesen und habe signifikant das Auftreten schwerer Blutungen reduziert. Büller kommentierte weiter: "Auf der Grundlage dieser Daten wäre es ein Fehler, Rivaroxaban gebrechlichen Patienten vorzuenthalten. Es scheint sehr viel sicherer als die Standardtherapie zu sein."

Ergebnisse bei gebrechlichen Patienten

Outcome

Rivaroxaban (%)

Enoxaparin/ Vitamin-K-Antagonist (%)

HR (95% KI)*

Rekurrenz thromboembolischer Ereignisse

2,7

3,8

0,68 (0,39–1,18)

Schwere Blutungen

1,3

4,5

0,27 (0,13–0,54)

*HR = Hazard Ratio, KI = Konfidenzintervall
Die zweite Untergruppe von Interesse waren die rund 200 Krebspatienten in jedem Therapiearm. Hierzu bemerkte Büller: "Die niedrigen Zahlen in dieser Analyse müssen mit Vorsicht interpretiert werden, aber auch hier sind die Ergebnisse ermutigend, da es keinen Beleg für den Anstieg von Blutungen unter Rivaroxaban gibt."

Ergebnisse bei Krebspatienten

Outcome

Rivaroxaban (%)

Enoxaparin/Vitamin-K-Antagonist (%)

HR (95% KI)*

Rekurrenz thromboembolischer Ereignisse

2,6

4,0

0,62 (0,22–1,8)

Schwere Blutungen

2,6

4,1

0,61 (0,21–1,77)

*HR = Hazard Ratio, KI = Konfidenzintervall
Schließlich wurde noch die Untergruppe der Patienten analysiert, die ein großes Blutgerinnsel hatten: "Die Ergebnisse dieser Analyse geben keinerlei Hinweis darauf, dass Rivaroxaban bei Patienten mit großem Blutgerinnsel nicht genauso wirksam ist wie niedermolekulare, fraktionierte Heparine (low-molecular-weight heparin, LMWH), gefolgt von einem Vitamin-K-Antagonisten. Meiner Ansicht nach können wir es ohne Bedenken bei diesen Patienten einsetzen."

Rekurrenz von Thromboembolien bei unterschiedlichen Blutgerinnselgrößen

Blutgerinnselgröße

Rivaroxaban (%)

Enoxaparin/Vitamin-K-Antagonist (%)

p

Begrenzt

1,4

2,3

n.s.

Mittelgroß

2,4

2,6

n.s.

Ausgedehnt

2,3

2,1

n.s.

Dieser Artikel wurde von Andrea Thode aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. 54th Annual Meeting of the American Society of Hematology (ASH), 8.-11. Dezember 2012, Atlanta, Georgia. USA
    Büller HR: Abstract, vorgestellt am 8.12.2012.
    https://ash.confex.com/ash/2012/webprogram/Paper51556.html
  2. Wood S: Grünes Licht der EMA: Neue Indikationen für Apixaban und Rivaroxaban. 23. November 2012.
    http://deutsch.medscape.com/artikel/4900549

Autoren und Interessenskonflikte

Sue Hughes
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Dr. Harry R. Büller ist Berater und/oder erhält Forschungsmittel von Bayer, Bristol-Myers Squibb, Daiichi, GlaxoSmithKline, Pfizer, Sanofi, Roche, Isis und Thrombogenics.

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