Homöopathie, Globuli & Co. - so beliebt wie umstritten

Ute Eppinger | 11. Dezember 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Naturheilverfahren und insbesondere die Homöopathie erfreuen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit. Ein besonders bizarres Beispiel der Überschätzung der Homöopathie ereignete sich jüngst in Berlin: Dort zertifizierte und bewarb die Ärztekammer Berlin einen Homöopathie-Workshop. Nachdem jedoch bekannt wurde, dass es sich bei einem der Referenten um Jeremy Sherr handelte – dieser Heiler behauptet, mittels Globuli in Afrika Aids kurieren zu können, – zog die Ärztekammer ihr Votum umgehend zurück.

 

Prof. Dr. med. Edzard Ernst
 

Prof. Dr. med. Edzard Ernst, Experte für Alternativmedizin und Emeritus der Universität Exeter, hat komplementäre Therapien mit wissenschaftlichen Methoden untersucht und kam – speziell für die Homöopathie - zu ernüchternden Ergebnissen. Für Medscape Deutschland erläutert er seine Bedenken im Hinblick auf deren Wirksamkeit.

Medscape Deutschland: Herr Professor Ernst, wieweit sehen Sie evidenzbasierte Medizin in Deutschland verwirklicht?

Prof. Ernst: Ich kann das nur schwer beurteilen, da ich nicht mehr sehr vertraut mit der deutschen Szene bin. Mein Eindruck ist, dass EBM in Deutschland vielfach nicht so richtig verstanden wird. Einige Kollegen scheinen zu glauben, es handle sich um eine Art Kochbuch-Medizin, die die ärztliche Freiheit einschränkt und keinen guten Dienst am Patienten leistet.

MedscapeDeutschland: Können Naturheilverfahren evidenzbasiert untersucht werden?

Prof. Ernst: Ja, natürlich. Es gibt zwar viele Verfechter der Alternativmedizin, die meinen, ihre spezielle Therapie sei so besonders, dass sie nicht nach EBM-Maßstäben evaluiert werden kann; diese Auffassung beruht jedoch auf einer falschen Vorstellung, was Forschung ist und kann.

MedscapeDeutschland: Wie stufen Sie Pflanzenheilkunde, Akupunktur und Chiropraktik ein?

Prof. Ernst: Das sind 3 große Gebiete, und es ist unmöglich, diese Frage vollständig zu beantworten. Phytotherapie ist plausibel, denn pflanzliche Mittel enthalten pharmakologisch aktive Inhaltsstoffe. Die Wirkung einiger Phytopharmaka ist recht gut durch klinische Studien belegt.
Bei der Akupunktur existieren einige nachvollziehbare Erklärungsmodelle und eine große Anzahl klinischer Studien. Ich meine, dass die Datenlage jedoch recht eindeutig zeigt, dass die Effekte der Akupunktur zum Großteil, aber vielleicht nicht ausschließlich, auf Plazebo beruhen. Zur Chiropraktik ist zu sagen, dass ihre ursprünglichen Annahmen, z.B. zu Subluxation, nicht plausibel sind. Chiropraktik ist bei Rückenschmerzen ebenso gut (oder schlecht) wie andere konservative Verfahren. Bei allen anderen Indikationen ist Chiropraktik nicht belegt. Hinzu kommt, dass Chiropraktik mit z.T. ernsten Nebenwirkungen belastet ist.

MedscapeDeutschland: Und die Homöopathie?

Prof. Ernst: Die Homöopathie ist die wohl am wenigsten plausible Therapie von allen. Die rund 200 Studien dazu haben nicht gezeigt, dass sie bei irgendeiner Indikation wirksam ist. Hoch-verdünnte Homöopathika sind somit als reine Plazebos anzusehen.

MedscapeDeutschland: Homöopathie boomt in Deutschland – woran liegt das Ihrer Meinung?

Prof. Ernst: Das hat wohl sehr komplexe Gründe: geschickte Werbung, keine Nebenwirkungen, lange Vorgeschichte, Opposition zum Establishment etc.

MedscapeDeutschland: Ein Drittel der medizinischen Hochschulen bietet mittlerweile Homöopathie in der Ärzteausbildung an – was halten Sie von dieser Entwicklung?

Prof. Ernst: Wenn da gelehrt wird, dass Homöopathie eine effektive Behandlungsform ist, dann ist das nicht mit der Wahrheit in Einklang zu bringen.

MedscapeDeutschland: Die Homöopathie versucht sich in evidenzbasierter Medizin: Es gibt Studien, vor allem Anwendungsbeobachtungen, die über positive Ergebnisse mit Homöopathie berichten. Was halten Sie davon?

Prof. Ernst: Anwenderbeobachtungen können zu positive Resultaten kommen, ohne dass das etwas mit der verabreichten Medikation zu tun haben muss. Da spielen etwa Plazebowirkungen, aber auch andere Effekte eine erhebliche Rolle. Kontrollierte Studien können auch zu falsch positiven Resultaten kommen, insbesondere, wenn sie mit Bias belastet sind. Man muss sich nicht einzelne Studien herauspicken, die man zufällig mag, sondern man muss die Gesamtheit aller Studien betrachten. Schaut man sich aber die Gesamtheit der Homöopathie-Studien kritisch an, dann kommt unter dem Strich nichts heraus.

MedscapeDeutschland: Homöopathen argumentieren, dass randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) zu kurz greifen, um die Effekte der Homöopathie richtig  darzustellen und lehnen RCTs deshalb ab. Was halten Sie von diesem Argument?

Prof. Ernst: Homöopathen verwenden dieses Argument nur für negative Studien. Fällt dann mal ein RCT tatsächlich positiv aus, werden sie über den grünen Klee gelobt. Derlei doppelte Standards sind nicht zielführend.

MedscapeDeutschland: Also ist Homöopathie nur eine harmlose Scheinbehandlung? Dann könnte man sich doch auf den Standpunkt stellen ‚Wer heilt hat recht‘, oder?

Prof. Ernst: Wenn die Homöopathie die effektive Behandlung einer ernsten Erkrankung ersetzt, dann wird es lebensgefährlich. Von einem gutartigen Plazebo kann dann nicht die Rede sein. Der viel zitierte Spruch ‚Wer heilt, hat recht‘ weist den Weg direkt zurück in das Mittelalter.

MedscapeDeutschland: Die Ablehnung der „Schulmedizin“ und Hinwendung zu alternativen Heilmethoden – sehen Sie darin Gefahren?

Prof. Ernst: Ja sicher. Denn dann leidet nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Rationalität allgemein, und das könnte Folgen haben, die weit über die Medizin hinausreichen.

MedscapeDeutschland: Würden Sie sich selbst mit Homöopathika behandeln lassen?

Prof. Ernst: Früher ja; heute aber schon längst nicht mehr.

MedscapeDeutschland: Sie haben selbst eine Ausbildung in Akupunktur und Homöopathie. Was hat Sie dazu gebracht, Teile Ihrer eigenen Ausbildung systematisch in Frage zu stellen?

Prof. Ernst: Das ist nun mal das, was Wissenschaftler ständig tun. Nur die intellektuell Unterbelichteten ändern niemals ihren Standpunkt.

MedscapeDeutschland: Wir bedanken uns für das Gespräch.

Referenzen

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. med. Edzard Ernst
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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