Komplementär- und Alternativmedizin: Von Patienten gewünscht, von der Forschung vernachlässigt

Andrea S. Klahre | 7. Dezember 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Ob sie nun Komplementär- und Integrativmedizin oder Komplementär- und Alternativmedizin genannt wird, kurz CIM (complementary and integrative medicine) und CAM (complementary and alternative medicine): Nach wie vor ist für viele Schulmediziner das eine wie das andere böööse. Sie wehren sich, das ganzheitliche Prinzip der Integrativen Medizin anzuerkennen, weil diese nicht evidence based ist. Hardcore-Skeptiker treten die „cognition based medicine“ polemisch und pauschal als „Paramedizin“ in die Tonne. Und auch die Autorin hat zu dem Begriff „Alternativmedizin“ eine ambivalente Haltung. Was allerdings für manche Methoden fraglos berechtigt ist, gilt nicht für andere.

In der Onkologie beispielsweise hat sich neben den klassischen chirurgischen, radiologischen, pharmakologischen Tumortherapien in den vergangenen Jahren ein breites Spektrum verschiedener Ansätze aus der Natur- bzw. Erfahrungsheilkunde fest etabliert. Zumindest hierzulande gehören Yoga, Akupunktur und einige gut geprüfte Phytotherapeutika ebenso dazu wie die achtsamkeitsbasierten Verfahren der Mind Body Medicine, einfach anzuwendende Maßnahmen aus der ayurvedischen Medizin und anthroposophische Behandlungen. Den einen oder anderen Kritiker mag es erstaunen, dass es zu manchen dieser und zu weiteren Ansätzen eine Reihe solider klinischer bzw. In-vitro-Daten gibt, die auf ein hohes Potenzial an Wirkungen hinweisen, und naturgemäß auch auf Wechselwirkungen.

Die komplementäre bzw. integrative Onkologie ist in Deutschland auf hohem wissenschaftlichem Niveau angekommen. Für die in diesem Fach arbeitenden Kliniker und niedergelassenen Ärzte ist sie „das beherrschende Thema der nächsten 20 Jahre“ (Dr. med. Thomas Breitkreuz, Leitender Arzt der Inneren Medizin am Paracelsus-Krankenhaus, Unterlengenhardt), welches bei entsprechender Aufklärung des Patienten dessen Compliance verbessert und „ihm wird nicht mehr die Verpflichtung auferlegt, über Jahre zahlreiche Tabletten zu sich zu nehmen, sondern es wird seine Eigenkompetenz gefordert” (Dr. med. Jutta Hübner, Ärztliche Leiterin der Komplementären Onkologie am Universitären Centrum für Tumorerkrankungen, Frankfurt/Main).

In Europa besteht massiver Aufholbedarf

Einmal mehr stellt sich also die Frage, ob eine Trennung zwischen konventioneller und traditioneller Medizin und der mehr oder minder latent damit verbundenen Zuweisung von „gut“ und „schlecht“ noch richtig, haltbar, zeitgemäß und zukunftsweisend ist. Da passt es doch, dass am 29. November 2012 in Brüssel das 2007 gegründete Forschungsnetzwerk für Komplementär- und Alternativmedizin CAMbrella die Ergebnisse einer intensiven dreijährigen Arbeit zum Stellenwert der komplementären Medizin in Europa präsentiert hat [1].

Das Fazit der 16 akademischen Forschungsgruppen aus 12 Ländern lautet: In den meisten der insgesamt 39 europäischen Mitgliedstaaten und assoziierten Länder hat man sich bisher unzureichend mit dem weiten Feld der Komplementärmedizin befasst. Im Vergleich zu den finanziellen und strukturellen Investitionen zur Forschungsförderung in den Vereinigten Staaten, Asien und Australien besteht in Europa massiver Aufholbedarf. Verwertbares Wissen über die Verbreitung als Medizindienstleistung für Patienten ist in vielen Ländern nicht vorhanden. Daraus dürfte die stark schwankende Akzeptanz der CAM zwischen 0,3 und 86% resultieren.

Vorschläge haben die Wissenschaftler in Form einer „Roadmap for European CAM research“ gleich mitgeliefert: Es gilt, das lückenhafte Wissen, die länderspezifisch chaotischen Ausbildungen, die sehr heterogenen Angebote, gesetzlichen Rahmenbedingungen und Reglements zu verbessern.

Laut Prof. Dr. med. Benno Brinkhaus, Leiter der Arbeitsgruppe Roadmap, und stellvertretender Leiter des Projektbereichs Komplementärmedizin am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité Berlin, ist eine Implementation europäischer Forschungsprogramme und -initiativen vonnöten, die die generell unklare Situation dieses Gebiets ins Auge fassen und sich an den tatsächlichen medizinischen Versorgungsbedingungen in Europa orientiert [2].

Auch in der klinischen Versorgung gewünscht 

 
Nahezu jeder zweite Europäer setzt auf komplementäre Verfahren.
 

Zumal die Nachfrage groß ist. Die Datenauswertung von etwa der Hälfte der Mitgliedsstaaten – mehr ging nicht, da aus den meisten Ländern keinerlei Daten zu den Fragestellungen des Projekts vorliegen – hat ergeben, dass nahezu jeder zweite Europäer auf komplementäre Verfahren setzt und diese als Wahlmöglichkeit sowohl im niedergelassenen Bereich als auch im Rahmen der klinischen Versorgung wünscht. Hauptmotiv ist Unzufriedenheit mit der konventionellen Medizin und deren Akteuren.

Seitens der Praktizierenden gibt es laut Untersuchung europaweit mehr als 150.000 Ärzte mit einschlägiger Zusatzqualifikation und mehr als 180.000 nicht-ärztliche Therapeuten (Non-Physician Medical Practitioners, NMP). Das bedeutet, es gibt etwa 65 (35 nicht-ärztliche; 30 ärztliche) Anbieter von komplentärmedizinischen Verfahren pro 100.000 Einwohner gegenüber rund 95 Ärzten pro 100.000 Einwohner. Zu den primär eingesetzten Therapien zählen bei Ärzten und NMP die Akupunktur (53% aller Anbieter; entspricht 80.000 Ärzten, 16.000 NMP) und Homöopathie (27%; 45.000 NMP, 4.500 Ärzte). Phytotherapie, manuelle Therapien wie Chiropraktik, traditionelle chinesische Medizin und Neuraltherapie sind Domänen der nicht-ärztlichen Therapeuten, vor allem in Deutschland. Häufigste Einsatzgebiete sind muskuloskelettale Erkrankungen.

Als Wirtschaftsfaktor sind Phytotherapeutika, Homöopathika und nach wie vor Nahrungsergänzungsmittel von immenser Bedeutung. Allein mit Pflanzenpräparaten wurden im Jahr 2010 zwischen 6 und 11 Billionen € umgesetzt, mit Homöopathika rund 1 Billion €.

Gesundheitökonomische Betrachtungen waren zwar nicht Gegenstand des Projekts. Jedoch zeigt ein kürzlich im British Medical Journal veröffentlichter systematischer Review aller zwischen 2001 und 2010 publizierten Studien zu diesem Thema, dass es bei einer Reihe qualitativ hochwertiger Studien für einzelne komplementäre Verfahren eine Kosteneffektivität und sogar Kosteneinsparungen im Vergleich zu konventionellen Strategien gibt [3].

Am meisten drängende Fragen

Was es nicht gibt, ist gesichertes Wissen über die Interessen der Patienten in Bezug auf das Angebot sowie über die Situation der Anbieter. „Die Patienten sind der Motor, ihre Bedürfnisse und Meinungen haben Schlüsselpriorität. Das müssen wir in der Forschung stärker berücksichtigen“, sagte auf der Brüsseler Konferenz der Koordinator des Gesamtprojekts, Dr. Wolfgang Weidenhammer, stellvertretender Leiter des Kompetenzzentrums für Komplementärmedizin und Naturheilkunde am Klinikum rechts der Isar der TU München. Gleichwohl müsse eine brauchbare Arbeitsgrundlage für das EU-Parlament, die nationalen Förderer sowie CAM-Stakeholder geschaffen werden.

Die Projektgruppe schlägt die Errichtung eines europäischen Zentrums vor, das den Forschern die Beantwortung der am meisten drängenden Fragen ermöglicht: Wer nutzt komplementäre Medizin in Europa und wofür? Welche Methoden versprechen den größten Nutzen für die zentralen Gesundheitsprobleme Adipositas, Diabetes und Krebs? Wie kann die Sicherheit von Patienten gewährleistet werden? Welche Chancen und Risiken bestehen bei der Integration komplementärer Medizin in konventionelle Behandlungspläne? Was ist bei der Planung eines einheitlichen, wissenschaftsbasierten Vorgehens und bei der koordinierten Verbreitung der Ergebnisse in alle Bereiche der europäischen Öffentlichkeit zu beachten?

„Die Vision der Roadmap ist es, zu einer evidenzbasierten Grundlage für fundierte Entscheidungen der Bürger beizutragen“, fasst Brinkhaus die Ziele des Projekts zusammen. „Wenn CAM ein Teil der Lösung der Probleme im Gesundheitssystem sein soll, die in den kommenden Jahren auf uns zukommen, müssen wir dringend zuverlässige Informationen über Wirksamkeit, Sicherheit und Kosten in den realen Versorgungsbedingungen sammeln und analysieren.“

Die EU-Kommission hat das Projekt seit Januar 2010 im 7. Forschungsrahmenprogramm mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert.

Referenzen

Referenzen

  1. The roadmap for European CAM research http://www.cambrella.eu
  2. Weidenhammer W et al: Forsch Komplementmed 2012; 19 (suppl 2): 3-5. http://dx.doi.org/10.1159/000342753
  3. Herman PM et al: BMJ Open 2012; 2: e001046. http://dx.doi.org/10.1136/bmjopen-2012-001046

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Andrea S. Klahre
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