15 neue Risikogene für Herzinfarkt identifiziert

Andrea S. Klahre | 5. Dezember 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Das globale Konsortium CARDIoGRAMplusC4D hat in der bislang größten Metaanalyse aus 14 genom-weiten Assoziationsstudien (GWAS) die erblichen Ursachen des Herzinfarktes bei 63.746 KHK-Patienten und 130.681 Kontrollpersonen untersucht  und dabei 15 neue Risikogene für die koronare Herzkrankheit und den Herzinfarkt nachgewiesen. Damit sind nun 46 Risikogene bekannt. Zusätzlich wurden weitere 104 Genorte identifiziert, die sehr wahrscheinlich von pathophysiologischer Relevanz sind. Insgesamt können derzeit 46 Chromosomenabschnitte mit genomweiter Signifikanz, d. h. der höchsten Stufe der statistischen Gewissheit, als ursächlich für eine KHK angesehen werden.

An dem Projekt sind mehr als 180 Wissenschaftler aus Europa (Deutschland, Großbritannien, Island, Schweden, Finnland, Frankreich, Italien, Griechenland), Libanon, Pakistan, Korea, USA, Kanada und China beteiligt. Die aktuellen Ergebnisse wurden am 2. Dezember in Nature Genetics publiziert [1].

Bereits in den letzten Jahren ist es im Rahmen dieses weltweiten Projektes zwar gelungen, etliche Regionen im humanen Genom zu identifizieren, die mit einem erhöhten KHK- und Infarktrisiko vergesellschaftet sind – allein im vergangenen Jahr waren es 13, von denen jede einzelne das KHK-Risiko um 6-17% erhöht [2]. Dennoch sind die genetischen Ursachen bislang nicht hinreichend aufgeklärt.

Jedes Jahr sterben in Europa rund 750.000 Menschen an einem Herzinfarkt. Die zugrunde liegende Atherosklerose der Koronararterien und der Herzinfarkt gehören in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Neben traditionellen Risikofaktoren wie Alter, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus und Rauchen spielt die genetische Prädisposition eine erhebliche Rolle.

Identifikation über gleichzeitige Analyse von mehr als 2 Millionen SNP

Aktuell wurde durch gleichzeitige Analyse von mehr als 2 Millionen über das gesamte Genom verteilte Genvarianten bzw. Marker (Single Nucleotide Polymorphism, SNP) die Identifikation der neuen Risikogene möglich. Von 46 definierten „lead SNPs“ wirken sich 12 auf die Konzentration von Lipiden und hier vor allem auf das LDL-Cholesterin aus, weitere 5 zeigen einen signifikanten Zusammenhang zur Pathogenese der Hypertonie. Nach wie vor ist kein Diabetes-assoziierter Risikomarker bekannt.

„Die meisten von uns werden gerade darin bestätigt, dass das KHK-Risiko durch viele genetische Varianten bestimmt wird, von denen jede einzelne einen nur geringen Einfluss hat”, kommentiert Erstautor Dr. Panos Deloukas vom Wellcome Trust Sanger Institute, Hinxton bei Cambridge, in einer Pressemitteilung des Instituts [3]. Das Genomforschungsinstitut spielt eine wichtige Rolle beim Humangenomprojekt.

„Da wir bisher nur wenige Genvarianten im Fettstoffwechsel, der Blutdruckregulation und bei Entzündungsreaktionen kennen, scheinen viele der Varianten über unbekannte Mechanismen zu funktionieren“, ergänzt Mitautor Prof. Nilesh J. Samani, Head of Department of Cardiovascular Sciences, University of Leicester, die Bedeutung der Arbeit aus seiner Sicht.

Durch weitergehende Analysen der identifizierten Gene erwarten die Wissenschaftler neue Einsichten in die Pathogenese, die mittel- bis langfristig bisher ungeahnte Möglichkeiten für die Therapie eröffnen könnten.

Mittel- bis langfristig neue Ansätze für Prävention und Therapie

Zu den Autoren gehören auch Forscher des Deutschen Herzzentrums München (DHM) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSM), Campus Lübeck [4]. Prof. Dr. med. Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen des DHM, Technische Universität München, erklärt: „Trotz der Bedeutung der bekannten Risikofaktoren trifft der Herzinfarkt viele Menschen völlig unerwartet. Die Arbeiten legen den Grundstein für die System-medizinische Aufklärung der Krankheitsentstehung. So können neue Ansätze zur Prävention entwickelt werden.“

Laut Prof. Dr. Jeanette Erdmann, Leiterin des Molekulargenetischen Labors der MK II am UKSM, werden die Erkenntnisse zu funktionellen Analysen der identifizierten Risikogene im Labor führen. „Hierdurch erhoffen wir uns mittelfristig neue therapeutische Ansätze zum Wohle der Patienten.“

Beide Wissenschaftler sind Mitglieder des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung e.V., an dessen bundesweit 7 Standorten meist mehrere universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen zusammenarbeiten.

Referenzen

Referenzen

  1. Deloukas P et al. for the CARDIoGRAMplusC4D Consortium (2012): Nature Genetics (online) 2. Dezember 2012. http://dx.doi.org/10.1038/ng.2480
    http://www.nature.com/ng/journal/vaop/ncurrent/abs/ng.2480.html 
  2. Schunkert H et al. for the CARDIoGRAM Consortium (2011): Nature Genetics 2011 (43), 333–338.
    http://dx.doi.org/10.1038/ng.784
  3. Insights into the genetic causes of coronary artery disease and heart attacks. Wellcome Trust Sanger Institut, Pressemitteilung, 02.12.2012.
    http://www.sanger.ac.uk/about/press/2012/121202.html
  4. Forscher identifizieren neue Risikogene für Herzinfarkt. TU München, Pressemitteilung 30.11.2012
    http://www.tum.de/nc/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/kurz/article/30235/

Autoren und Interessenskonflikte

Andrea S. Klahre
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. med. Heribert Schunkert
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Prof. Dr. Janette Erdmann
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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