Jede Sekunde zwei Schädel-Hirn-Traumata – nur ein Bruchteil wird in der Klinik behandelt

Michael Simm | 28. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Die Häufigkeit von Schädel-Hirn-Traumata (SHT) ist womöglich weitaus größer als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine populationsbasierte Untersuchung in Neuseeland, bei der man mit bislang unerreichter Gründlichkeit versucht hat, über ein Jahr hinweg alle relevanten Vorkommnisse zu erfassen [1]. Die im Lancet veröffentlichte Studie umfasste sowohl eine städtische Region (Hamilton), als auch einen ländlichen Bezirk (Waikato) mit zusammen 173.205 Einwohnern. Sie gibt Aufschluss nicht nur über die Gesamtinzidenz, sondern auch über Schweregrad und Ursache der SHT sowie deren relative Häufigkeit in Abhängigkeit von Geschlecht, Alter, Wohnort und ethnischer Zugehörigkeit.

Wöchentlich überprüften dafür Professor Dr. Valery L. Feigin, Direktor des National Institute for Stroke and Applied Neurosciences der Auckland University of Technology, und dessen Kollegen die CT- und MRT-Aufnahmen aller Kliniken in der Region sowie die Krankenakten aller aus diesen Hospitälern entlassen Patienten. Zusätzlich befragt wurden Privatkliniken, Hausärzte, Reha-Zentren und Ambulanzen. Man nahm Einsicht in die Berichte von Leichenbeschauern und Gerichtsmedizinern, fragte nach im Gefängnis, in Altersheimen, Schulen, Sportzentren und anderen öffentlichen Einrichtungen, prüfte außerdem die Datenbank der Autohaftpflichtversicherung und die Totenscheine von Menschen, die in der Studienregion verstorben waren.

Leichte SHT oft nicht behandelt

Die Schätzungen seiner BIONIC (Brain Injury Outcomes New Zealand in the Community) Study Group  seien die ersten, in denen mehr leichte Fälle von SHT enthalten sind, die normalerweise nicht in Kliniken behandelt werden, so Feigin. Diese Fälle würden oftmals bei offiziellen Schätzungen übersehen. Tatsächlich ermittelten die Forscher in ihrem Studiengebiet für den Zeitraum zwischen dem 1. März 2010 und dem 28. Februar 2011 exakt 1.369 SHT unter den 173.205 Einwohnern. Dies entspricht einer Gesamtinzidenz von 790 Fällen pro 100.000 Einwohner; der überwiegende Teil davon (749) waren leichte SHT.

Betroffen waren der Analyse zufolge in 70% aller Fälle Kinder, Jugendliche, und junge Erwachsene. Jungen und Männer hatten ein fast doppelt so hohes Risiko wie Mädchen und Frauen. Die häufigsten Ursachen waren Stürze (38%), die Einwirkung mechanischer Kräfte (21%), Transportunfälle (20%) und Körperverletzung (17%).

Inzidenzzahlen übertreffen bisherige Schätzungen bei weitem

Die neuen Inzidenz-Zahlen liegen erheblich über denen, die bisher für andere Länder mit hohem Einkommen berichtet wurden: Für Europa zitieren die Autoren Studien, die eine Bandbreite von 47 bis 453 Fällen pro Jahr und 100.000 Einwohner ergeben haben; für Nordamerika 51 bis 618; und eine Übersicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt 100 bis 300. „Basierend auf unseren Ergebnissen schätzen wir, dass etwa 54 bis 60 Millionen Menschen jährlich eine traumatische Hirnverletzung erleiden, darunter 2,2 bis 3,6 Millionen mit mittelschweren und schweren Verletzungen“, sagte Feigin. Das ist fast 6 Mal höher als frühere Schätzungen und bedeutet, dass in jeder Sekunde irgendwo auf der Welt zwei Menschen von einer traumatischen Hirnverletzung getroffen werden.“

Die stark unterschiedlichen Schätzungen führen Feigin und ihre Kollegen hauptsächlich auf „Variationen bei den diagnostischen Kriterien und bei der Erfassungsmethode“ zurück. Unklar ist deshalb, inwiefern die Befunde aus Neuseeland auf deutsche Verhältnisse übertragbar sind. So hatte die BIONIC-Gruppe die WHO-Kriterien für traumatische Hirnverletzungen (Traumatic Brain Injury, TBI) angewandt.  In Deutschland dagegen hat man erst vor wenigen Jahren die traditionelle Einteilung von Kopfverletzungen in Schädelprellung/Schädelbruch, Commotio und Contusio verlassen zugunsten von leichtem, mittelschwerem und schwerem Schädel-Hirn-Trauma.

SHT in Deutschland unterdiagnostiziert

Zahlreiche Faktoren erschweren die Diagnose: „Da viele Unfälle entschädigungspflichtig sind, kann die Symptomatik durch nichtmedizinische Faktoren beeinflusst werden”, formulieren die Lehrbuchautoren Professor Dr. med. Klaus Poeck und Professor Dr. med. Werner Hacke [2]. In der im Jahr 2006 erschienenen 12. Auflage des Standardwerks „Neurologie“ nannten diese Experten für die Bundesrepublik noch einen Schätzwert von jährlich 300 Hirntraumata aller Schweregrade je 100.000 Einwohner. In Ausgabe 13 – erschienen 4 Jahre später – hat man die Schätzung auf einen Wert von 200 gesenkt.

In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie [3] findet sich ein ähnlicher Wert: Hier wird eine Inzidenz von 180 für das leichte Schädel-Hirn-Trauma genannt, das mit 80% den überwiegenden Anteil aller SHT ausmache, die in die Klinik überweisen werden. Jeweils weitere 10% seien mittelschwere und schwere SHT, woraus sich eine Gesamtinzidenz von 225 errechnen lässt. Die Arbeitsgruppe um Feigin fand dagegen 790, also einen um das 3,5-fache größeren Wert.

„Solch eine Untersuchung wäre in Deutschland schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich“, meint Prof. Dr. med. Heymut Omran, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Münster. Omran ist Koordinator eines regionalen Registers für Schädelhirntrauma-Erkrankungen, das von der EU mit 936.000 Euro gefördert wird und Anfang 2013 starten soll. Er hält die Daten der neuen Studie durchaus für plausibel.

„Längst nicht alle Eltern gehen zum Arzt, wenn ihr Kind von der Schaukel fällt, und Kinderärzte sehen oftmals keinen Grund für eine Überweisung in die Klinik“, sagt Omran. Auch deshalb seien Schädel-Hirn-Traumata hierzulande „mit Sicherheit unterdiagnostiziert“. Ziel des neuen Registers sei es aber nicht, die SHT zu 100% zu erfassen, sondern die Behandlungsprozesse für Kliniken, Ärzte und sonstige Versorgungseinrichtungen transparenter und damit auch für die Patienten effizienter zu machen.

Referenzen

Referenzen

  1. Feigin VL, et al: Lancet (online) 22. November 2012;
    http://www.thelancet.com/journals/lanneurol/article/PIIS1474-4422(12)70262-4/abstract
  2. Poeck K, Hacke W: Neurologie, 13. Auflage (2010)
  3. Diener HC, Putzki N: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, 5. Auflage (2012)

Autoren und Interessenskonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor

Professor Dr. Valery L. Feigin
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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