RELAX-AHF-Studie: Serelaxin – neuer Hoffnungsträger bei akuter Herzinsuffizienz?

Dr. med. Kirsten Westphal | 19. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Los Angeles, USA – Bei Patienten mit akuter Herzinsuffizienz verbessert die einmalige Infusion von Serelaxin, einem vasoaktiven Peptidhormon mit vielfältigen biologischen und hämodynamischen Wirkungen, signifikant die Dyspnoe und erhöht die langfristigen Überlebenschancen, so das überraschende Ergebnis der RELAX-AHF-Studie, die Studienleiter Prof. Dr. John R. Teerlink, Abteilung für Kardiologie, San Francisco Veterans Affairs Medical Center, University of California, San Francisco, auf der Hotline-Session des amerikanischen Herzkongresses vorstellte [1].

Die zeitgleich online in The Lancet publizierte Untersuchung [2] hat große klinische Bedeutung: „Die Studie ist wichtig, da sie ein dringend erforderliches Medikament in Aussicht stellt, das bei akuter Herzinsuffizienz eingesetzt werden kann. Die akute Herzinsuffizienz ist nach wie vor mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden und es wurden in den letzten Jahrzehnten nur wenige neue Therapien entwickelt“, kommentierte Teerlink.

„Die Patienten bekommen wieder besser Luft“

Akute kardiale Dekompensationen sind im Alter einer der häufigsten Gründe für eine Krankhauseinweisung. Im Vordergrund der klinischen Symptomatik steht die durch das Lungenödem bedingte ausgeprägte Dyspnoe; als „lebendiges Ertrinken“ beschreiben die Betroffenen die Symptome. Standardmäßig werden zur symptomatischen Therapie vor allem Schleifendiuretika eingesetzt. „Die Patienten bekamen wieder besser Luft, die Behandlung mit Serelaxin hat die Atemnot dramatisch gelindert – das ist für mich als klinisch tätiger Arzt die wichtigste Botschaft aus dieser Studie“, kommentierte Prof. Dr. med. Karl Werdan, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin III der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, für Deutschland zuständiger Studienkoordinator von RELAX-AHF.

Serelaxin ist eine rekombinante Form des menschlichen Hormons Relaxin-2 (RLX030). Bei Frauen steigen die Relaxin-2-Spiegel während der Schwangerschaft an, um hämodynamische und renovaskuläre Anpassungen zu unterstützen. Serelaxin wirkt auf Rezeptoren in Herz, Nieren und Blutgefäßen, hat einen vasorelaxierenden Effekt und eine positive Wirkung auf Herz und Nieren.

„Der in der RELAX-AHF-Studie beobachtete Rückgang der Mortalität wird durch die verringerte Dekompensationsrate sowie durch die im Verlauf der Studie gesammelten Biomarker-Daten untermauert. Dies deutet auf günstige strukturelle Wirkungen an Herz und Nieren hin“, so Co-Studienleiter Prof. Dr. Marco Metra, Leiter des Kardiologischen Instituts am Universitäts- und Zivilkrankenhaus von Brescia, Italien.

Studienziele teilweise erreicht, teilweise nicht

Die Studie im Detail: Die internationale, randomisierte Doppelblindstudie RELAX-AHF untersuchte bei 1.161 Patienten mit akuter Herzinsuffizienz die Wirksamkeit und Sicherheit von Serelaxin im Vergleich zu Placebo. Die Patienten erhielten das Peptidhormon bei Klinikaufnahme in Form einer intravenösen Infusion (30 mcg/kg/Tag) über 48 Stunden „on top“ zur Standardtherapie wie Schleifendiuretika.

Es gab zwei primäre Endpunkte. Beide fokussierten die Besserung der Dyspnoe, allerdings nach unterschiedlichen Kriterien. Zum einen wurde die Besserung der Dyspnoe mithilfe einer visuellen Analogskala (VAS 0–100) bestimmt. Hier konnte bis zu Tag 5 ein signifikanter Nutzen der Medikation verzeichnet werden (p = 0,0075). Zum anderen wurde die Linderung der Dyspnoe in Bezug auf die Ausgangswerte beurteilt (Likert-Skala). Hier wurde nach 6, 12 und 24 Stunden keine statistische Signifikanz erreicht (p = 0,702). Da einer der beiden primären Endpunkte erreicht wurde, fiel die Studie gemäß den Prüfplankriterien positiv aus.

Die Studie erreichte nicht ihre sekundären Wirksamkeitsendpunkte – Überlebenstage und Krankenhausentlassung bis zu Tag 60 (p = 0,37) und kardiovaskulärer Tod oder Rehospitalisierung aufgrund von Herz- oder Niereninsuffizienz bis zu Tag 60 (p = 0,89).

Ein Drittel weniger Todesfälle nach sechs Monaten

Allerdings war die Gesamtmortalität, also die Sterblichkeit jeglicher Ursache, in der Gruppe der mit Serelaxin behandelten Patienten mit 7,3% nach 180 Tagen Follow-up deutlich geringer als in der Placebo-Gruppe mit 11,3% (p = 0,02). Die Gesamtmortalität bis zu Tag 180 war ein Sicherheitsendpunkt der Studie. Die Anzahl der Todesfälle aufgrund von kardiovaskulären Ursachen bis Tag 180 (ein zusätzlicher prädefinierter Wirksamkeitsendpunkt) war ebenfalls deutlich geringer (6,1% versus 9,6%, p = 0,028). Dies entspricht einer relativen Reduktion der Gesamt- und kardiovaskulären Mortalität nach sechs Monaten um 37%.

Darüber hinaus wurde eine signifikante Reduktion der Anzeichen und Symptome einer Verschlechterung der Herzinsuffizienz bis Tag 14 (p = 0,024) verzeichnet, wodurch die Notwendigkeit einer Intensivbehandlung der Herzinsuffizienz verringert wurde. RLX030 verringerte außerdem die mittlere Aufenthaltsdauer im Krankenhaus um 0,9 Tage (p = 0,039) und auf der Intensivstation/kardiologischen Abteilung um 0,4 Tage (p = 0,029).

Die Behandlung mit Serelaxin wurde im Allgemeinen gut vertragen und Nebenwirkungen wie Hypotonie lagen auf Placeboniveau. Die Inzidenz unerwünschter Ereignisse (UE) im Zusammenhang mit Nierenfunktionsstörungen war sogar geringer als unter Placebo (p = 0,03). Es wurden keine klinisch signifikanten Unterschiede bei der Inzidenz schwerwiegender UE zwischen den beiden Behandlungsgruppen verzeichnet.

Referenzen

Referenzen

  1. Jahrestagung der „American Heart Association“, Scientific Sessions 2012, Hotline-Session am 6. November 2012 (Late Breaking Clinical Studies LBCT.06)
    http://my.americanheart.org/professional/Sessions/ScientificSessions/Scientific-Sessions_UCM_316900_SubHomePage.jsp
  2. Teerlink JR, et al. The Lancet (online). 7. November 2012
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(12)61855-8

Autoren und Interessenskonflikte

Corthera, Inc, eine Tochtergesellschaft von Norvatis, hat die Studie unterstützt. Bzgl. der Interessenkonflikte von JR Teerlink and M Metra siehe: http://newsroom.heart.org/pr/aha/document/DISCLOSURES.pdf

K Werdan gab folgende Erklärung zu Interessenkonflikten:

In den letzten Jahren habe ich oder meine Ehefrau folgende finanzielle Unterstützungen erhalten:

1. Honorare für Vorträge, Interviews: Abbott, Bayer, Biogen, Biotest, Boehringer-Ingelheim, Boston Scientific, Datascope, Maquet, MSD, Novartis, Roche, Servier

2. Honorare für Advisory-Board-Tätigkeiten: Abbott, Bayer, Baxter, Biotest, Datascope, Novartis, Servier

3. Teilnahme an klinischen Studien: Arrows, Datascope, MSD, Novartis, Servier

4. Forschungsunterstützung: Biotest, Bayer, Datascope, Novartis, Roche, Servier

5. Finanzielle Beteiligungen und Aktien: Keine

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