Fernsehen animiert zu süßen Drinks, sitzend zu lernen jedoch nicht so sehr

Ute Eppinger | 15. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Zu dick, zu wenig Bewegung und dann noch mit Snacks und Süßgetränken vor dem Fernseher oder dem PC abhängen? Dass dieses Klischee nicht allein auf Vorurteilen gründet, belegt jetzt eine Teilstudie aus dem europäischen Projekt HELENA. HELENA untersucht kulturelle, soziale, genetische und geschlechtsbedingte Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Ernährung bei 12 bis 17jährigen Kindern und Jugendlichen in Europa. Die multizentrische Studie wird in 11 Städten in 10 Ländern durchgeführt. In Deutschland ist Dortmund an den Erhebungen zu Nahrungsverzehr, Bewegungsverhalten und Fitness beteiligt.

Dr. Alba M. Santaliestra-Pasias von der School of Health Sciences der University of Zaragoza und ihre Arbeitsgruppe werteten die Daten von 2.202 Teilnehmern aus dem Setting der HELENA-Studie aus und publizierten ihre Ergebnisse in den „Archives of Pediatric & Adolescent Medicine“ [1]. Santaliestra-Pasias und ihr Team erkundeten mittels Fragebogen die Zeit, die die Kinder und Jugendlichen sitzend am Fernseher, beim Spielen mit dem PC oder an der Konsole, bei der Nutzung des Internets zu Studienzwecken oder zur Entspannung und als reine Lernzeit verbrachten. Der Body-Mass-Index (BMI) der Probanden wurde ebenso erfasst wie der sozioökonomische Status (SES).

Die Trink- und Ernährungsgewohnheiten der Probanden wurden, während sie sich sitzendend den elektronischen Medien widmeten, mittels 2 nicht aufeinanderfolgenden 24-Stunden-Recalls telefonisch dokumentiert.

Die Forscher hatten zunächst europaweit 3.528 Jugendliche im Alter von 12,5 bis 17,5 Jahren im Zeitraum Anfang Oktober 2006 bis Ende Dezember 2007 für diese Erhebung rekrutiert. Die Teilnehmer aus Heraklion/Griechenland und Ungarn (n= 678) wurden allerdings aufgrund zu vieler unvollständiger Daten nicht aufgenommen. Ebenso fielen die Probanden, die entweder den Fragebogen zur Selbsteinschätzung nicht vollständig ausgefüllt oder am 24-Stunden-Recall nicht oder nur unvollständig teilgenommen hatten, aus der Erhebung heraus. Von den anfangs avisierten 3.528 Probanden flossen so letztendlich 2.202 aus 8 Zentren (Athen, Dortmund, Gent, Lille, Rom, Stockholm, Wien und Saragossa) in die Querschnittsstudie mit ein.

Das Durchschnittsalter der Jungen (n= 1.032) lag bei 14,76 und das der Mädchen (n= 1.170) bei 14,73 Jahren. Der durchschnittliche BMI lag bei den Jungen bei 21,28 und bei den Mädchen bei 21,19; 76% der Jungen waren normalgewichtig, 24 % übergewichtig oder fettsüchtig. Bei den Mädchen wiesen 81,3% ein normales Gewicht auf, 18,7% waren übergewichtig oder fettsüchtig. Der BMI der im Vorfeld ausgeschlossenen Probanden (n= 1.326) lag im Durchschnitt höher und der sozioökonomische Status (SES) im Durchschnitt niedriger als bei den Studienteilnehmern.

PC und TV-Nutzung korreliert mit Softdrink- und Snack-Konsum

In der Auswertung der Studie zeigte sich, dass die Kinder und Jugendlichen im Laufe des Beobachtungszeitraums umso mehr Softdrinks und herzhafte Snacks zu sich nahmen, je mehr Zeit sie täglich sitzend vor dem Fernseher oder vor dem PC verbrachten. Gleichzeitig ließ sich feststellen, dass der Konsum von Obst in ähnlichem Ausmaß in dieser Periode abnahm.

Häufiger zu Softdrinks griffen vor allem Jungen und Mädchen, die mehr als 4 Stunden täglich sitzend mit Medien verbrachten. Jungen wiesen je nach Medium einen um den Faktor 1,73 (Internet zur Entspannung, Wochenende) bis 7,84 (Konsolenspiele, wochentags) erhöhten Konsum an gesüßten Getränken auf. Bei Mädchen betrug dieser Faktor zwischen 1,57 (PC-Spiele, Wochenende und 7,56 (Konsole, wochentags), wobei der höchste, extreme Wert in beiden Gruppen beim Spielen mit der Konsole vor dem Fernseher auftrat. Alle diese Werte ergaben sich im Vergleich mit jenen Kindern, die weniger als 2 Stunden täglich mit den Medien verbrachten.
Der Konsum von Obst bei den gleichen Gruppen sank entsprechend (Odds ratios zwischen 0,37 und 0,66 bei Jungen bzw. 0,37 und 0,69 bei Mädchen). Ein signifikanter Geschlechtsunterschied konnte jeweils nicht festgestellt werden.

Je länger die Probanden vor dem Bildschirm saßen, desto ausgeprägter war dieser Effekt.
Aber nicht nur das „Wie lange“, auch das „Wie“, die Art der sitzenden Tätigkeit, scheint einen Einfluss auf das Ess- bzw. Trinkverhalten zu haben. Es gab nämlich Unterschiede, wenn 4 Stunden oder mehr vor dem Fernseher oder spielend am PC verbracht wurden - oder eben beim Lernen: So wurde, wenn die Studienteilnehmer mehr als 4 Stunden an der Konsole spielten, nur etwa die Hälfte jener Menge an Softdrinks konsumiert, die beim Fernsehschauen und vor dem PC getrunken wurden. Noch günstiger fällt die Bilanz beim Lernen aus: Trotz der sitzenden Tätigkeit am Schreibtisch benötigen die Kinder und Jugendlichen sogar deutlich weniger als die Hälfte an Süßgetränken, wenn man den Konsum vor dem PC und dem Fernseher zugrunde legt. 

„Unseres Wissens ist dies die erste Studie, die das Verhältnis zwischen sitzender Tätigkeit und Art der Nahrungsaufnahme präzise erfasst“, schreiben die Autoren. Die Zunahme sowohl von Fernsehkonsum, von Computer- und Konsolenspielen, aber auch die dem Lernen geschuldete Nutzung von Computern bringe es mit sich, dass diese Medien verschiedene Lebensbereiche infiltrierten und auf diese eine Auswirkung hätten. Und dazu gehöre auch das Essverhalten. Frühere Untersuchungen, so die Autoren, hätten nur auf einzelne Parameter fokussiert – etwa nur auf das Essverhalten während des Fernsehens oder nur auf den Konsum von Soft-Drinks.

Kausaler Zusammenhang ist noch nicht bewiesen

„Der steigende Konsum von Softdrinks während des Konsolen- oder Computerspielens ist eine neue Erkenntnis und verhilft zu besseren Einblicken in der Entstehung von Übergewicht. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Computerspielen bei Kindern und Jugendlichen ja immer beliebter wird“, schreibt Santaliestra-Pasias.

Allerdings weise die Studie auch Schwächen auf. So lasse sich ein kausaler Zusammenhang aufgrund des Studiendesigns nicht beweisen. Zudem basierten die Informationen zur Art der sitzenden Tätigkeit und zur Nahrungsaufnahme auf der Selbsteinschätzung der Teilnehmer in Fragebögen, was sowohl eine methodische Schwäche beinhalte, als auch eine Verzerrung mit einschließe. Darüber hinaus berücksichtige die Querschnittserhebung weder das häusliche Umfeld, noch die Einstellung der Eltern oder den Erziehungsalltag, also etwa die Frage, ob und wie viele gemeinsame Mahlzeiten es in der Familie gibt. Dennoch stütze die vorliegende Studie die Forderung der American Academy of Pediatrics, die Fernseh- und PC-Zeit auf 1 bis 2 Stunden täglich zu begrenzen, betonen die Autoren.

Wie wichtig der Einfluss und das Vorbild der Eltern sind, hebt Ernährungswissenschaftlerin Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Gespräch mit Medscape Deutschland hervor. „Fernsehen oder am PC sitzen und spielen dürfen nicht verdammt werden“, erklärt Restemeyer. „Die Kinder sehen ja, ob die Eltern beim Fernsehen oder am PC essen, was sie trinken, ob und wie viel sie sich bewegen, Fahrrad fahren, auch mal aufs Auto verzichten.“ Gehöre Bewegung in der Familie ganz natürlich zum Alltag, dann stellten die Kids das auch nicht groß in Frage, ist Restemeyers Erfahrung.

„Die Ergebnisse sind wenig überraschend und bestätigen die jahrelange Entwicklung, dass Kinder und Jugendliche zunehmend in einen inaktiven und sitzenden Lebensstil hineinwachsen“, erklärt Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin der Plattform für Ernährung und Bewegung (PEB) gegenüber Medscape Deutschland. „Die Sitzzeiten steigen, die Bewegungszeiten und -räume gehen zurück. Dieser inaktive Lebensstil ist eine der Hauptursachen für die Entwicklung von Übergewicht“.

Mehr Längsschnittstudien gefordert

Prof. Dr. med. Aloys Berg, Vorstandsvorsitzender der Plattform für Ernährung und Bewegung, stuft die Studienergebnisse als relevant ein. „Denn alle Seiten fordern zu Recht, auch hinsichtlich der Bewegungs- und Übergewichtsentwicklung evidenzbasierte Maßnahmen zu entwickeln.“ Die Studie, so Berg gegenüber Medscape Deutschland, sei ein wichtiger Schritt dazu. „Da wir aber nicht warten können, bis die notwendigen wissenschaftlichen Studien vorliegen, brauchen wir eine Doppelstrategie: Berücksichtigung der kindlichen Sitzens im Rahmen von Längsschnittuntersuchungen und die Entwicklung gezielter Maßnahmen, um die Sitzzeiten von Kindern zu reduzieren und zu mehr Bewegung zu aktivieren“, stellt Berg klar.

Dreh- und Angelpunkt ist für Lambeck der Medienkonsum: „In den ersten Lebensjahren sollten Bildschirmmedien auf ein Minimum reduziert werden.“ Und Restemeyer ergänzt: „Weder Fernseher noch Computer gehören ins Kinderzimmer; egal ob nun Fernsehen oder Computer spielen – eine sinnvolle Zeitbegrenzung ist wichtig.“ Lambeck empfiehlt, mit den Kindern ein wöchentliches Medienzeitkonto zu vereinbaren.

Feste Familien-Mahlzeiten sollten im Alltag verankert sein, regt Lambeck an. Snacks vor dem Fernseher, ob nun alleine oder mit der Familie, seien weniger zu empfehlen, denn: “Was hier verzehrt wird, wird in der Regel zusätzlich und meist auch unbewusst gegessen und getrunken“. Lambeck sieht auf Seiten der Kinderärzte gute Einflussmöglichkeiten: „Der Kinderarzt genießt hohes Vertrauen bei den Eltern und kann - am besten eingebettet in die Vorsorgeuntersuchungen - altersentsprechend und alltagskompatibel Empfehlungen zu Sitzen, Bewegung und Ernährung geben.“ Die Hauptverantwortung sieht auch Lambeck bei den Eltern. „Sie sind Vorbild und verantwortlich für einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung und ausgewogener Ernährung. Am besten mit der ganzen Familie.“

Referenzen

Referenzen

  1. Santaliestra-Pasias AM, et al: Arch Pediatr Adolesc Med. 2012;166(11):1-11
    http://dx.doi.org/10.1001/archpediatrics.2012.646

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

A.Santaliestra-Pasias
Finanzielle Unterstützung von der Fundacio´n Cuenca Villoro (Spain)

Mitautorin Cuenca-Garcia
Finanzielle Unterstützung durch den Grant AP-2008-03 806 vom Spanischen Bildungsministerium

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