Nutzlosigkeit von Vitaminen zur Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen erneut belegt

Shelley Wood | 7. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Los Angeles, CA, USA – Kritiker der Vitaminhype hegten seit langem ihre Zweifel, ob Nahrungsergänzungsmittel nützlich sind. Jetzt werden sie bestätigt. Die bisher größte randomisierte Doppelblindstudie zu diesem Thema hat erneut belegt, was sich bereits aufgrund der Ergebnisse kleinerer Studien abgezeichnet hatte, und wovon viele Ärzte ohnehin überzeugt sind: Die tägliche Einnahme von Multivitaminen verringert keineswegs das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (CVD) [1].

 

Dr. Howard D. Sesso
 

Dr. Howard D. Sesso (Brigham and Women's Hospital, Boston, MA, USA) präsentierte die Ergebnisse der Physicians' Health Study (PHS) II am 5. November anlässlich der American Heart Association 2012 Scientific Sessions. Die Ergebnisse wurden gleichzeitig im Journal of the American Medical Association (JAMA) publiziert [2,3].

„Menschen, die an den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln glauben, unterlassen womöglich andere Maßnahmen der gesundheitlichen Prävention. Betrachtet man die milliardenhohen (US-Dollar-) Umsätze pro Jahr, dürfte die langfristige und tägliche Einnahme von Vitaminpräparaten eine finanzielle Belastung darstellen“, schreiben Sesso und seine Mitarbeiter. „Die Daten (der PHS-II-Studie) bestätigen keinerlei Nutzen für Multivitamine zur Vermeidung einer CVD; vielmehr sind die Studienergebnisse ein Beleg für die Notwendigkeit langfristig angelegter klinischer Studien zu häufig eingenommenen Nahrungsergänzungsmitteln.“

Ein Vitamin pro Tag

Die PHS-II-Studie begann im Jahr 1997 unter Einschluss von insgesamt 14.641 US-amerikanischen männlichen Ärzten im Alter von über 50 Jahren. Sie wurden zufallsverteilt verschiedenen Studienarmen zugeteilt, die entweder Vitaminpräparate oder wirkstofffreie Plazebopräparate erhielten. Über die Ergebnisse zu 3 Armen aus dieser Studie: Beta-Carotin, Vitamin E und Vitamin C wurde bereits berichtet.

Der vierte Arm der PHS-II-Studie ordnete die Probanden täglich einzunehmenden Multivitaminpräparaten oder Plazebo zu. Man wollte wissen, wie sich das auf Krebserkrankungen und CVD auswirkt. Bei 5% der eingeschlossenen Männer waren Herzinfarkte oder Schlaganfälle aus der Vorgeschichte bekannt.

Im Verlauf einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 11,2 Jahren wurden 1.732 kardiovaskuläre Ereignisse dokumentiert. Die Häufigkeit derartiger Ereignisse unterschied sich jedoch zwischen Multivitamin- und Plazebogruppe mit 11,0 gegenüber 10,8% pro 1.000 Personenjahren nicht.

Betrachtet man die primären Endpunkte getrennt voneinander sowie mehrere sekundäre Endpunkte gemeinsam, konnten Sesso und Mitarbeiter keinerlei statistisch signifikante Unterschiede in der Häufigkeit folgender Erkrankungen feststellen: Herzinfarkt, sämtliche Schlaganfälle, hämorrhagischer Schlaganfall, ischämischer Schlaganfall, kongestives Herzversagen, Angina pectoris, koronare Revaskularisierung, CVD-Mortalität oder Gesamtmortalität. Eine zusätzliche Analyse schloss die ersten Jahre der Nachbeobachtungszeit aus (um eine kumulative Wirkung der Exposition zu analysieren) - selbst das veränderte die Ergebnisse nicht. Auch ließen sich zwischen den zwei Gruppen genauso wenig Unterschiede hinsichtlich unerwünschter Wirkungen erkennen.

Bemerkenswert ist allerdings, dass die tägliche Multivitamineinnahme anscheinend eine leichte, statistisch signifikante Auswirkung auf das Gesamtkrebsrisiko hatte, wenngleich nicht gegenüber Prostata- und Kolorektalkarzinomen oder anderen lokalisierten Krebserkrankungen. Die Ergebnisse wurden vergangenen Monat im Journal of the American Medical Association veröffentlicht [4].

Eine wohlgenährte Bevölkerung

Die Prüfärzte der PHS-II-Studie räumten allerdings ein, dass die Multivitamingaben bei Populationen mit einem Nährstoffdefizit sehr wohl eine Rolle spielen könnten. Die vorliegende Studie erstreckte sich nicht auf solche Gruppen. Die PHS-II-Probanden waren insgesamt betrachtet „ziemlich gesund“, erklärte Sesso im Rahmen einer morgendlichen Pressekonferenz. Die meisten Probanden hatten regelmäßig Bewegung, aßen relativ gesunde Kost und waren Nichtraucher. Insgesamt betrachtet stehe diese Gruppe „wahrscheinlich, durchschnittlich betrachtet, für eine gutgenährte Population mit optimaler Nährstoffaufnahme, bei der eine Nahrungsergänzung keinen Nutzen bietet“, schrieben sie.

Im begleitenden Leitartikel stellt Dr. Eva Lonn (McMaster University, Hamilton, ON, USA) fest, dass mehr als ein Drittel der US-amerikanischen Population täglich ein Multivitaminpräparat einnimmt. Nicht umsonst lagen die Multivitaminumsätze im Jahr 2008 bei fast 24 Milliarden US-Dollar [5]. Die Vorschriften, welche eine Zulassung und Vermarktung von Vitaminen erlauben, sind jedoch weniger streng als jene im Arzneimittelbereich. „Diese Tatsache ermöglicht Werbeaussagen zu Vorbeugung und Heilung und zu einer überraschenden wie ständig steigenden Vielfalt an Erkrankungen: von CVD über Krebs, Arthritis, Infektionen, Makuladegeneration bis Alzheimer-Demenz, Falten, Haarverlust, verminderte Libido und geringere sexuelle Potenz.“

„Folglich“, erklärt sie, „führen viele Menschen mit einer Herzerkrankung oder einschlägigen Risikofaktoren weiterhin ein ungesundes Leben - bei täglicher Einnahme von Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln - in der Hoffnung, zukünftige Probleme entschärfen zu können.“

„Eine derartige Ablenkung von einer wirksamen CVD-Prävention ist die Hauptgefahr bei der Einnahme von Vitaminen sowie Nahrungsergänzungsmitteln, ohne einen nachgewiesenen Nutzen. Die Botschaft muss einfach und klar bleiben: CVD ist größtenteils durch gesunde Nahrungsmittel, regelmäßige Bewegung und Abstinenz gegenüber Tabakprodukten vermeidbar. Für Hochrisikopatienten oder solchen mit CVD-Ereignissen in der Anamnese gilt die Einnahme nachweislich sicherer und wirksamer Arzneimittel als entscheidend.“

Vitaminkonsum allgemein kaum untersucht

Gegenüber heartwire stellten mehrere Experten fest, dass bisher weder untersucht noch belegt wurde, dass Vitaminkonsumenten gleichzeitig eine schlechte Therapietreue gegenüber Medikamenten hätten oder andere negative, gesundheitsschädliche Gewohnheiten an den Tag legten. Das sei einer der Gründe, so Sesso, warum die PHS-II-Studie so ungewöhnlich ist – sie beleuchte ein wenig untersuchtes, jedoch häufiges Verhalten.

Es bleibt daher unklar, ob die Einnahme von Vitaminen tatsächlich „gesündere“ Gewohnheiten verdrängt.

„Einige anekdotische Erfahrungen aus meiner Praxis“ basieren, laut Antman, auf vielen Patientengesprächen. Sie gestehen einem, dass sie Vitamine regelmäßig einnehmen, nicht aber ihre rezeptpflichtigen Medikamente. „Wenn mir ein Patient erzählt ‚Ach je, ich schlucke schon so viele Tabletten?, dann frage ich zur Überprüfung der Einnahmenotwendigkeit zuerst nach, ob sich hierunter auch Vitamine befinden. Was ich heute gehört habe, bietet mir nun deutlich mehr Argumentationsmöglichkeiten - aus kardiovaskulärer Sicht.“

Dr. Dariush Mozaffarian (Brigham and Women's Hospital and Harvard Medical School, Boston, MA, USA) weist darauf hin, dass die Menschen durch Vitaminpillen nicht nur Arzneimittel substituieren, sondern auch körperliche Bewegung und ein gesünderes Essen.

„Ein Nichtraucher mit gesundheitlich einwandfreien Lebensgewohnheiten, exzellenter Ernährung und regelmäßiger körperlicher Betätigung - das findet man in den USA selten. Wenn ein solcher Mensch auch noch ein Multivitaminpräparat einnehmen mag, sei ihm das gegönnt.“

Er weist darauf hin, dass zweierlei Personengruppen unter den Vitaminkonsumenten existieren: die Übergesunden und die Kranken. Tatsächlich deckten sich die Leute mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln ein, sobald die Diagnose CVD oder Diabetes gestellt wurde, stellt Mozaffarian fest.

„90% der US-Amerikaner haben schlechte bis suboptimale Lebensgewohnheiten; lediglich etwa 10% führen ein Leben, das man in jeglicher Hinsicht als optimal bezeichnen kann“, erklärte Mozaffarian gegenüber heartwire. „Die meisten Menschen, die Vitaminpräparate einnehmen, haben ergo keinen optimalen Lebensstil. Es ist dabei fraglich, ob sie tatsächlich eine bessere oder schlechtere Lebensführung hätten, wenn sie weder Geld noch Zeit für Vitaminpräparate aufwenden würden.“

Dieser Artikel wurde von Dr. Immo Fiebrig aus www.theheart.org übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. http://www.theheart.org/conferences/aha/2012.do
  2. American Heart Association 2012 Scientific Sessions
    Physicians' Health Study (PHS) II: http://www.clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT00270647
    http://www.theheart.org/conferences/aha/2012.do
  3. Sesso HD, et al.: JAMA 2012; 3081:1751-1760.
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23117775?dopt=Abstract
  4. Gaziano JM, et al.: JAMA 2012; (): 1-10 DOI:10.1001/jama.2012.14641. Erhältlich unter: http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1380451
  5. Lonn EM: JAMA 2012; 3081:1802-1803. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23117781?dopt=Abstract

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