Tabakmarketing mit Smartphone Apps: Digitale (Einstiegs-) Droge oder viel Rauch um nichts?

Dr. Franz Jürgen Schell | 5. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Bekanntlich sind die Werbemöglichkeiten der Tabakindustrie in den letzten 20 Jahren deutlich eingeschränkt worden. Nun scheint es, als hätten die findigen Zigarettenhersteller in Applikationen (Apps) für Smartphones eine neue Plattform ausgemacht, um ihre Botschaften loszuwerden. Das jedenfalls vermutet Nasser F. BinDihm von der School of Public Health der Universität Sydney: Im zur BMJ-Gruppe gehörenden Magazin Tobacco Control hat er mit Kollegen online first am 22. Oktober eine interessante Analyse veröffentlicht.

Im Februar dieses Jahres haben die Autoren beim Stöbern in den 2 weltweit größten Smartphone App Stores (Apple App Store; Android Market von Google) unter den Stichworten „Rauchen“, „Rauch“, „Zigarette“, „Zigarre“ und „Tabak“ insgesamt 107 „Pro-Smoking Apps” gefunden. Darunter verstehen sie Apps mit genauen Informationen über Zigarettenmarken, Tabakverkaufsstellen, Bildern von Zigarettenmarken (z. B. als Hintergrundbild) und verschiedenen Rauchsimulationen.

Spiele ohne Grenzen

Beispielsweise sieht der Anwender eine Zigarette, wird aufgefordert sie anzuzünden und zu rauchen. Durch Atembewegungen am Handymikrofon lässt sich der virtuelle Rauch beeinflussen. Eine andere Simulation stellt einen Aschenbecher in den Mittelpunkt: Durch Anklicken wird dieser geöffnet, durch ein Klicken innen kann man Asche reinrieseln lassen oder eine Kippe ausdrücken. Als besonders perfide empfinden es die Autoren, dass nach etwas Ascherieseln verstärkende Botschaften erscheinen, wie „Mit einem Bier in der Hand wäre es noch besser“. Von der Marke Marlboro (Philipp Morris International) gibt es ein 3D-Hintergrundbild, auf dem die Packung von allen Seiten zu betrachten ist. Eine andere App zeigt den Akkustand in Form einer abgebrannten Zigarette. In einem Spiel gilt es Cartoon-Charaktere zum Rauchen anzustiften und sie die Zigarette weiterreichen zu lassen. Je schneller sie das tun, umso mehr Punkte können gesammelt werden.

Selbst Lobbyismus gibt es als App. Die „Cigar Rights of America“ nehmen für sich in Anspruch, eine Non-Profit-Organisation zu sein, die das Zigarrenrauchen verteidigt, tatsächlich aber wird gezielt gegen Raucheinschränkungen, die Besteuerung von Zigarren und gesetzgeberische Regulierungen polemisiert. Das Informationsangebot umfasst neben Nachrichten, Audio- und Videostreams stets Hinweise, wie man die Gruppe unterstützen oder ihr beitreten kann.

6 Millionen Downloads

Damit viele unterschiedliche Altersgruppen schnellen und einfachen Zugang zu Pro-Smoking Apps mit ihren hochwertigen Animationen haben, sind sie in den App Shops unter Suchworten wie „Unterhaltung“, „Spiele und Lifestyle“ und sogar „Gesundheit und Fitness“ zu finden. Mit Erfolg: Die 42 Google-Rauch-Apps wurden allein im Februar 2012 von 6 Millionen Nutzern heruntergeladen; am beliebtesten waren Rauchsimulationen.

„Pro-Smoking Apps, die gratis zu erhalten sind und in frischen Features zeigen, dass Rauchen cool ist, erreichen auch Millionen Teenager und Kinder“, schreiben die australischen Public Health-Forscher. “Die Chance, die angebotenen Zigarettenmarken kennenzulernen und Raucherfahrung in hoher Qualität zu simulieren, erhöhen selbstverständlich das Risiko, dass Jugendliche zu rauchen beginnen.”

Gesellschaftliche Ächtung des Rauchens wird verfälscht

 

Dr. med. Klaus Behrendt
 

„Jugendliche werden nicht von den Apps allein zum Rauchen verführt“, sagte Dr. med. Klaus Behrendt, Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll, Hamburg, Medscape Deutschland. „Entscheidend sind die Peergroups. Wenn einzelne Altersgenossen rauchen, dann animieren sie auch andere.“ Apps können aber unbewusst wirksam werden und zu einem rauchfreundlichen Klima beitragen, das dann innerhalb der Peergroup zum Rauchen verführt. Als harmlose Spielerei sieht der Psychiater die Apps nicht, denn sie verfälschen die gesellschaftliche Ächtung des Rauchens.

„Je jünger der Mensch ist, der in den Tabakkonsum einsteigt, umso schwerer hat er es, davon wieder loszukommen“, so Behrendt. Die meisten Hardcore-Raucher haben als Teenager angefangen. Auch für Behrendt sind die Apps eine eindeutige Umgehung des Werbeverbots, das damit ausgehebelt wird. Besonders bedenklich ist für ihn in dem Zusammenhang die hohe Bedeutung der Smartphones für Jugendliche – und die der geladenen Apps.

Verstoß gegen Artikel 13 der WHO Framework Convention on Tobacco Control

Die Australier sehen in der uneingeschränkten Verfügbarkeit der Pro-Smoking-Apps einen Verstoß gegen Artikel 13 der WHO Framework Convention on Tobacco Control, wonach die Werbung für Tabakprodukte in allen Medien einschließlich des Internets verboten ist. Zudem werde gegen nationale Gesetzgebungen verstoßen. Wenn App-Entwickler darüber hinaus die Marken ohne Erlaubnis der Hersteller verwenden, hätten diese die Entwickler wegen Copyright-Verstößen rechtlich zu belangen.

Allerdings reagierte die Presseabteilung der deutschen Niederlassung von Philipp Morris International in München auf eine Anfrage von Medscape Deutschland mit Screenshots der Marlboro-Apps überrascht: „Nach unserer Kenntnis sind die genannten Apps nicht solche des Konzerns. Eine entsprechende Nutzung von Marken des Konzerns wurde auch nicht autorisiert. Wir nehmen die nicht genehmigte Nutzung unserer Markenzeichen sehr ernst und unternehmen die erforderlichen Schritte, um eine illegale Nutzung zu unterbinden. Die wenigen Apps, die PMI in einigen Ländern anbietet, stehen nur erwachsenen Rauchern in den jeweiligen Ländern zur Verfügung und unterliegen der lokalen Gesetzgebung.“

Zensur wäre möglich, China macht es jeden Tag vor

Bereits die Betreiber der App Stores könnten hier einschreiten, die Australier sehen sie in der Pflicht: “App Stores haben eine juristische und moralische Verantwortung dahingehend, dass die Werbeeinschränkungen speziell für Minderjährige eingehalten werden.”

Dass sie dazu technisch ohne Weiteres in der Lage sind, zeigen Beispiele aus China. Ausgerechnet im Reich der Mitte ist die „Encyclopedia de Chine“ als App nicht erhältlich. Virtuelles Rauchen ist möglich, Informationen über das größte Land der Erde nur eingeschränkt.

Referenzen

Referenzen

  1. Nasser F. BinDihm et al. Tobacco Control. BMJ (online) 22. Oktober 2012; DOI:10.1136/tobaccocontrol-2012-050598
    http://tobaccocontrol.bmj.com
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Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Franz Jürgen Schell
Es liegen keine Interessenkonflikte vor

Prof. Dr. med. Behrendt hat keine Interessenskonflikte.

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