Berührungsängste: Deutsche Ärzte nutzen Facebook, Twitter & Co. noch kaum

Nadine Eckert | 2. November 2012

Autoren und Interessenskonflikte

In Großbritannien wird gerade ein Verhaltenskodex für Ärzte in sozialen Medien entwickelt, der Entwurf liegt bereits vor [1]. Auch in Deutschland legen sich immer mehr Fachgesellschaften und Kliniken einen eigenen Facebook-Auftritt zu oder verbreiten Neuigkeiten über Twitter. Doch die deutschen Ärzte selbst stehen diesen neuen Kommunikationswegen skeptisch gegenüber.

„Hierzulande sind die Ärzte bei der Nutzung sozialer Medien noch sehr zurückhaltend“, bestätigt Dr. med. Beate Schnuck, die auf Fachkongressen zur Nutzung von neuen Medien in der Medizin referiert.

„Ich bin der Meinung, dass sich deutsche Ärzte mehr in sozialen Medien engagieren sollten. Es ist ein neues Kommunikationsmedium, dem wir uns weder verschließen sollten noch können“, sagt die Kinderorthopädin am Diakoniekrankenhaus in Rotenburg (Wümme). „Doch bei vielen Ärzten überwiegen Ängste und Bedenken noch den möglichen Nutzen und die Freude, die man mit diesen neuen Medien haben kann“, ergänzt Schnuck, die auch einen eigenen Blog für Orthopädinnen unterhält [2].

Zum einen hätten viele Mediziner Bedenken wegen des Datenschutzes, aber auch die Angst, Fehler zu machen, die letztlich beruflich schaden könnten, sei groß. Eben diese Ängste und Bedenken soll der Social Media Highway Code, der derzeit vom Royal College of General Practitioners  (RCGP) in Großbritannien entwickelt wird, ausräumen. Er enthält praktische Tipps, wie Ärzte das meiste aus sozialen Medien herausholen können, dabei aber gleichzeitig ihren ärztlichen Verpflichtungen gerecht werden und ihre Patienten schützen.

Berufliches und Privates kann nicht immer getrennt werden

Im normalen Leben ist es für Mediziner selbstverständlich, Beruf und Privatbereich zu trennen. In sozialen Medien können diese Grenzen leicht verschwimmen: Es gilt also, ganz besonders auf die Einhaltung bestimmter Grenzen zu achten. „Ich würde in meinem privaten Facebook-Account zum Beispiel keine Freundschaftsanfragen von Patienten annehmen“, betont Schnuck. Ärzte, die Freundschaftsanfragen von Patienten erhalten, sollten höflich ablehnen und erklären, weshalb es nicht angemessen wäre, die Anfrage anzunehmen.

Viele, insbesondere junge Menschen haben heute kein Problem damit, sich von einem Mediziner in öffentlichen Foren wie Facebook oder Twitter medizinische Ratschläge zu holen. Doch auch in solchen Fällen hat der Arzt die gleichen professionellen Pflichten hinsichtlich Vertraulichkeit und Arzt-Patienten-Verhältnis wie beim Besuch in der Praxis. Ärzte müssten deshalb lernen, dieser Verantwortung auch in dem neuen Kontext der sozialen Medien gerecht zu werden, heißt es im RCGP-Verhaltenskodex.

Soziale Medien können die Beratung von Patienten verbessern

Solange man ein gesundes Maß an Vorsicht walten lässt, stellen die sozialen Medien einen hervorragenden Weg dar, in der Öffentlichkeit das Bewusstsein für medizinische Themen zu fördern. Sie bieten Medizinern zudem die Möglichkeit, falsche, ungenaue oder möglicherweise sogar gefährliche gesundheitliche Informationen richtig zu stellen.

„Es wird in Zukunft immer häufiger werden, dass man über soziale Netzwerke kommuniziert. Es wird Wege geben, Patienten über das Internet zu beraten. Schon heute gibt es viele medizinische Foren und Zweitmeinungsportale, die - wenn auch teils umstritten - meiner Meinung nach durchaus sinnvoll und wegweisend sind. Die medizinischen Austauschmöglichkeiten im Netz werden immer mehr werden, nicht weniger“, betont Schnuck.

Mediziner, die soziale Medien vorerst nur privat nutzen möchten, „sollten sich immer bewusst sein, dass man auch in seinem Privatleben Arzt ist und auch als solcher gesehen wird und sich entsprechend verhalten. Auch auf einem privaten Facebook-Profil wird man immer als Arzt gesehen“, sagte Schnuck. Und auch der Codex des RCGP rät: „Ärzte sollten sich des Bildes von sich bewusst sein, das sie online präsentieren und es aktiv managen.“

Ärzte sollten darauf achten, wer mitliest

Beim Einstellen von Informationen in soziale Medien und Netzwerke sollte sich jeder Nutzer darüber klar sein, dass sich oft nicht wirklich kontrollieren lässt, wer diese Informationen lesen wird. Dies gilt selbst bei Facebook, wo man nur zu einem gewissen Grad selbst bestimmen kann, wem man welche Informationen zugänglich macht. „Man weiß nie, ob Facebook-Freunde die Information öffentlich teilen, denn dann wird sie auch noch ganz anderen Leuten zugänglich gemacht“, warnt Schnuck. „Außerdem muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass das, was man schreibt, immer da ist, auch wenn man es löscht, kann es schon geteilt sein, so dass man lieber zu zurückhaltend als zu freizügig mit Informationen umgehen sollte.“

Im Jahr 2010 zeigte eine Erhebung, dass es auf sozialen Netzwerken häufig zu Brüchen der Schweigepflicht kommt, insbesondere dass Medizinstudenten vertrauliche  Informationen über Patienten auf Facebook diskutieren. Im direkten Kontakt mit dem Patienten ist Vertraulichkeit für die meisten Ärzte keine Frage, doch soziale Medien können zur Überschreitung dieser Grenzen beitragen.

Doch die Befolgung einfacher Regeln vorausgesetzt, wie sie beispielsweise der  Social Media Highway Code an die Hand gibt, können soziale Medien viel Freude bereiten, den Informationsaustausch fördern und selbst die medizinische Versorgung verbessern - darin sind sich Schnuck und auch die Autoren des britischen Verhaltenskodex einig.

„Soziale Medien können Spaß machen und viele Bedenken kann man auch über Bord werfen. Es ist zwar etwas Neues, aber man kann lernen, damit umzugehen und viel Freude damit haben. Natürlich können Fehler passieren, aber letztlich überwiegen doch der Nutzen und der Spaß“, betont die begeisterte Bloggerin.

Referenzen

Referenzen

  1. Social Media Highway Code, Royal College of General Practitioners (RCGP): 27.09.2012 http://dl.dropbox.com/u/4469945/RCGP%20Social%20Media%20Highway%20Code%20-%20draft%20for%20discussion.pdf
  2. http://orthopaedinnen.blogspot.de

Autoren und Interessenskonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

B. Schnuck
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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