Mangelnde Früherkennung: Sepsis führt in Europa häufiger zum Tod als in den USA

Nadine Eckert | 26. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Eine ganze Reihe von durch Hygienemängel verursachte Infektionen und Todesfälle in Krankenhäusern beschäftigten in den vergangenen Monaten die deutsche Öffentlichkeit. Mitten in dieser Kontroverse um die hygienischen Bedingungen in deutschen Kliniken zeigte nun eine Studie, dass in ganz Europa mehr Menschen an Sepsis sterben als in den USA. Schuld an dieser Differenz scheint jedoch nicht die Versorgungsqualität zu sein, sondern strukturelle Defizite, die die Erkennung und Behandlung der Patienten in Europa verzögern.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Prof. Mitchell M. Levy vom Rhode Island Hospital in Providence verglich die Krankheitsverläufe von mehr als 25.000 Patienten mit schwerer Sepsis oder septischem Schock (2005-2010; rund 75% der Patienten aus den USA). Ergebnis: In Europa sterben Patienten mit einer um rund 12% höheren Wahrscheinlichkeit an einer Sepsis als in den Vereinigten Staaten, wobei der Schweregrad der Erkrankung eine große Rolle spielte. Wurden die Patienten unter Berücksichtigung des Schweregrads der Sepsis verglichen, war der Unterschied nicht länger statistisch signifikant.

Variiert die Sepsis-bedingte Sterblichkeit zwischen Ländern und Regionen, können die Ursachen vielfältig sein: „Eine wichtige Rolle spielt die Qualität sowie der Zugang zu medizinischer Versorgung sowie Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Herz- und Lungenerkrankungen“, erläuterte Levy gegenüber Medscape Deutschland. Doch auch strukturelle Unterschiede könnten von Bedeutung sein: In Ländern, in denen weniger Betten auf Intensivstationen zur Verfügung stehen, würden septische Patienten meist erst auf einer normalen Station versorgt und nur auf die Intensivstation verlegt, wenn sich ihr Zustand verschlechtere, ergänzte er.

In der Literatur finden sich Sterblichkeitsraten, die von 22 bis 76% rangieren, je nach Land und Region. In Deutschland liegt die Sterblichkeit bei schwerer Sepsis bei 47%.

Levy und seine Ko-Autoren verwendeten für ihre Analysen die Datenbank der „Surviving Sepsis Campaign“. Im Rahmen dieser Kampagne wurden im Jahr 2005 in mehr als 200 Krankenhäusern in Europa und den USA evidenzbasierte Richtlinien für die Versorgung von Patienten mit schwerer Sepsis oder septischem Schock eingeführt. Seither werden alle Patienten mit Sepsis, die in diesen Krankenhäusern auf der Intensivstation behandelt werden, in der Datenbank der Kampagne erfasst.

Europa: Patienten kommen zu spät auf die Intensivstation

Neben dem Unterschied in der sepsis-bedingten Sterblichkeitsrate fanden die Autoren, dass in den USA die Mehrzahl der Patienten (65,1%) von der Notaufnahme direkt auf die Intensivstation verlegt wird, während in Europa etwas mehr als die Hälfte der Patienten (51,5%) von Normalstationen auf die Intensivstation kam.

Der Aufenthalt auf einer normalen Station vor der Verlegung auf die Intensivstation war in Europa mit durchschnittlich einem Tag länger als in den USA mit nur einigen Stunden (0,1 Tag). Die nicht bereinigte Krankenhausmortalität war in Europa (41,1%) höher als in den USA (28,3%). Bereinigt um den Schweregrad der Sepsis lag sie mit 32,2 versus 31,1% jedoch nicht mehr höher.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation war in Europa (7,8 Tage) länger als in den USA (4,2 Tage), ebenso wie die Dauer des gesamten Krankenhausaufenthalts mit 22,8 Tagen in Europa und 10,5 Tagen in den USA.

Basierend auf diesen Ergebnissen vermuten Levy und Ko-Autoren, dass die unterschiedliche Sterblichkeit nicht auf einen niedrigeren Behandlungsstandard in europäischen Krankenhäusern hindeutet, sondern die Folge verschiedener Herangehensweisen an die Notfallversorgung ist.

„Als wir unsere Ergebnisse um die Schwere der Sepsis bereinigten, gab es keinen Mortalitätsunterschied mehr“, betonte Levy. „Das deutet darauf hin, dass die Intensivversorgung in beiden Regionen ähnlich ist, da die Intensivpatienten in Europa jedoch meist schon kränker sind, sterben sie mit höherer Wahrscheinlichkeit.“

„Der Unterschied von 12% in der Sepsis-bedingten Sterblichkeit zwischen Europa und USA hat mit der Qualität der Behandlung auf der Intensivstation nichts zu tun“, bestätigte Prof. Dr. med. Konrad Reinhart, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universität Jena im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Ärzte müssen dringend besser geschult werden

In Deutschland zumindest sei für die noch immer hohe Sterblichkeit verantwortlich, dass die Patienten zu spät erkannt und behandelt würden. „Bis zu 40% der Sepsisfälle entwickeln sich zuhause. Doch Hausärzte denken oft nicht an eine Sepsis, so kommen die Patienten zu spät in ein Krankenhaus. In Deutschland sind zudem die Notfallmedizin und die Notaufnahmen qualitativ nicht so gut aufgebaut wie in den USA, dadurch kommt es häufig noch einmal zu Verzögerungen bis zur Aufnahme auf die Intensivstation. Ich bin davon überzeugt, dass der Zeitverlust bis zum Einleiten der Therapie wesentlich zur Sterblichkeit beiträgt“, ergänzte Reinhart. Deshalb müsse die Ärzteschaft in den Krankenhäusern und im ambulanten Bereich besser geschult werden, um eine Sepsis schnell zu erkennen und zu therapieren.

 
„Die Zahlen aus der aktuellen Studie von Mitchell Levy zeigen noch einmal ganz deutlich, dass die Sepsis-bedingte Sterblichkeit auch an strukturellen Defiziten liegt, an denen wir arbeiten müssen“

„Wenn ein Patient eine Infektion hat und aus der Infektion heraus eine Organdysfunktion entwickelt, also verwirrt ist, schwer atmet, der Blutdruck oder die Nierenfunktion abfällt, dann muss man das als Frühzeichen einer Sepsis erkennen. In diesen Fällen muss eine Blutkultur angelegt werden, wenn nötig schon im Rettungswagen, und sofort ein Breitspektrumantibiotikum gegeben werden“, sagte Reinhart, unter dessen Vorsitz die deutsche Leitlinie zur Behandlung der Sepsis erstellt wurde.

„Die Zahlen aus der aktuellen Studie von Mitchell Levy zeigen noch einmal ganz deutlich, dass die Sepsis-bedingte Sterblichkeit auch an strukturellen Defiziten liegt, an denen wir arbeiten müssen“, folgerte er.

Ausgehend von der bisher existierenden Forschung lasse sich jedoch nicht eindeutig schlussfolgern, wie sich die Art der Intensivversorgung auf die Sepsissterblichkeit auswirke. Deshalb seien dringend weitere Untersuchungen notwendig, um die Versorgung von Sepsispatienten zu verbessern, betonte Levy: „Wir planen deshalb weitere Studien, die dabei helfen sollen, Sepsis auf den Normalstationen sowohl in den USA als auch Europa früher zu identifizieren und zu behandeln.“

Referenzen

Referenzen

    The Lancet Infectious Diseases. Published Online
    October 26, 2012
    http://dx.doi.org/10.1016/S1473-3099(12)70239-6

Autoren und Interessenskonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Mitchell Levy
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Konrad Reinhart
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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