Langzeitstudie: ADHS in der Kindheit schmälert Zukunftsaussichten

Nadine Eckert | 25. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Angesichts einer weltweiten Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) von geschätzten 5% sind die Langzeitverläufe von Kindern, bei denen die Störung diagnostiziert wurde, von größtem Interesse, schreiben die Autoren einer Studie in den Archives of General Psychiatry. Prof. Rachel Klein vom Child Study Center der New York University und ihre Ko-Autoren untersuchten 135 durchschnittlich 41 Jahre alte Männer, bei denen als Kinder im mittleren Alter von 8 Jahren eine ADHS diagnostiziert worden war. Eine Kontrollgruppe bestand aus 136 Männern, die als Kinder nicht an ADHS erkrankt waren.

Gravierende Probleme noch nach drei Jahrzehnten

„Der große Vorteil der Studie von Klein und Kollegen ist, dass die Teilnehmer mehr als 30 Jahre lang nachbeobachtet wurden. Es ist selten, dass Patienten über eine so lange Zeit verfolgt werden. Doch so konnte gezeigt werden, dass selbst nach 33 Jahren noch gravierende Probleme bestehen“, lobte der Psychiater PD Dr. med. Andres Neuhaus vom Centrum für ADHS im Erwachsenenalter der Berliner Charité.

Die von speziell geschulten Interviewern durchgeführten Befragungen brachten signifikante Unterschiede zwischen den früher an ADHS erkrankten Probanden und den Kontrollpersonen zu Tage. Die Probanden waren im Allgemeinen weniger gebildet, hatten beruflich nicht so viel erreicht und hatten mehr soziale Probleme als die Männer in der Kontrollgruppe.

„Im Durchschnitt waren die Probanden 2,5 Jahre weniger lange zur Schule gegangen als die Kontrollen“, berichtete die Arbeitsgruppe. Mehr als 30% von ihnen hatten die High School nicht abgeschlossen, bei den Kontrollpersonen waren es dagegen nur gut 4%. Einen höheren Abschluss, etwa einer Universität, hatte fast keiner der früher an ADHS erkrankten Männer (3,7%). In der Kontrollgruppe hatten dagegen fast 30% einen solchen Abschluss.

Drastische Unterschiede bei Bildung und Beruf

Entsprechend dem niedrigeren Bildungsniveau hatten die Probanden im mittleren Alter von 41 Jahren auch beruflich signifikant weniger erreicht als die Kontrollen. „Angesichts der schlechteren Ausbildung und des niedrigeren beruflichen Standes war der im Vergleich schlechtere sozioökonomische Status zu erwarten“, so die Autoren. Beachtlich sei dennoch der Unterschied von 40.000 US-Dollar (fast 31.000 Euro) zwischen den durchschnittlichen Jahresgehältern von Probanden und Kontrollen gewesen.

In weiteren Vergleichen der beiden Gruppen waren die Probanden häufiger geschieden, hatten höhere Raten an fortdauernden ADHS-Symptomen, häufiger antisoziale Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen. Die Raten an affektiven Störungen wie Depressionen und Angsterkrankungen unterschieden sich dagegen zwischen Probanden und Kontrollgruppe nicht. Im Laufe ihres Lebens waren die Männer mit ADHS-Diagnose in der Kindheit häufiger in psychiatrischen Krankenhäusern und im Gefängnis gewesen als die Kontrollen.

„Es ist davon auszugehen, dass in den 1970er-Jahren viel weniger Kinder mit ADHS diagnostiziert und behandelt wurden“, erklärte Klein gegenüber Medscape Deutschland. „Doch unsere Studienpopulation wurde ähnlich dem heute geltenden Standard behandelt, also mit medikamentöser Therapie mit Stimulanzien und psychologischer Beratung der Eltern, die Hälfte der Kinder erhielt zudem eine intensive Verhaltenstherapie.“

 
„Die vielfältigen Nachteile, von denen Kinder mit ADHS in ihrem späteren Leben betroffen sein können, zeigen, wie wichtig es ist, die Überwachung und die Behandlung von Kindern mit ADHS auszuweiten“
folgern die Autoren.

Therapiefortschritte machen Hoffnung für die Zukunft

Neuhaus weist jedoch darauf hin, dass sich diese Aussage auf die Versorgung von vor 30 Jahren bezieht: „Ich finde es gut, dass die Kinder in der Studie damals schon mit einer Kombination aus Medikamenten und Verhaltenstherapie behandelt wurden. Dennoch ist davon auszugehen, dass es aufgrund der Wissensfortschritte in den vergangenen 30 Jahren Unterschiede zwischen der Therapie von damals und dem heutigen Standard gibt“, betonte er im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Es bestehe also die Hoffnung, dass eine Nachuntersuchung von heute diagnostizierten und behandelten Kindern mit ADHS in 30 Jahren zu deutlich besseren Ergebnissen führen würde. „Heute wissen wir nur, wie das Outcome einer Therapie aussieht, die vor drei Jahrzehnten State of the Art war. Zu den Chancen und Langzeiteffekten der heutigen Therapien können wir noch nichts sagen, erklärte Neuhaus.

Manche Eltern mit an ADHS erkrankten Kindern trösten sich mit der Theorie, dass Kinder mit ADHS besonders kreativ seien und davon möglicherweise im späteren Leben profitieren könnten. Doch der neuen Studie zufolge scheint eine ADHS keine Vorteile zu haben. „Wir haben eine riesige Menge an Informationen analysiert und haben bei den Erwachsenen, die als Kinder ADHS hatten, weder mehr Kreativität noch andere wünschenswerte Outcomes entdeckt“, berichtete Klein. „Ein größerer Teil von ihnen war selbstständig tätig oder hatte sein eigenes Geschäft aufgemacht. Das macht Sinn, denn sich an die Vorgaben und Anweisungen anderer zu halten, fällt Menschen mit ADHS schwer. Wenn man möchte, könnte man das als Plus ansehen“, ergänzte sie.

Die Autoren um Klein merken an, dass das Design ihrer Studie ausschließt, die Ergebnisse auf Frauen und andere ethnische und soziale Gruppen zu übertragen, denn die Probanden waren durchweg Männer kaukasischen Ursprungs mit durchschnittlicher Intelligenz.

Referenzen

Referenzen

  1. Arch Gen Psychiatry. Published online October 15, 2012. doi:10.1001/archgenpsychiatry.2012.271
    http://archpsyc.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1378851

Autoren und Interessenskonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor

PD Dr. med. Neuhaus
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Rachel Klein
Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

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