Multiple Sklerose: Mehr Schübe unter Infertilitätstherapie

Fran Lowry | 23. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Eine Kinderwunschbehandlung bei gleichzeitig bestehender Multipler Sklerose birgt offenbar Risiken. Die Ergebnisse einer kleinen prospektiven Studie weisen darauf hin, dass es nach assistierter Reproduktion (ART) zu einem signifikanten Anstieg der Krankheitsaktivität bei Multipler Sklerose (MS) kommt. MS-Patientinnen im gebärfähigen Alter sollten auf dieses Risiko hingewiesen werden. Unter einer assistierten Reproduktion versteht man ein breites Spektrum von Maßnahmen, um infertilen oder subfertilen Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen. Es reicht von Hormongaben, um die Follikelbildung zu stimulieren, bis zur künstlichen Befruchtung oder In-Vitro-Fertilisation.

Die durch Dr. Jorge Correale vom Institut für Neurologische Forschung Raul Carrea, Buenos Aires, Argentinien geleitete Studie wurde Anfang Oktober in den Annals of Neurology online veröffentlicht.

„Aus früheren retrospektiven Untersuchungen in Frankreich und Deutschland geht hervor, dass ART die Anzahl der Schübe bei MS-Patienten erhöht“, teilte Dr. Correale gegenüber Medscape Medical News mit. „Im Unterschied dazu ist unsere Studie prospektiv. Wir verfügen über MRT-Daten sowie über eine homogene Kohorte, in der lediglich ein GnRH- [Gonadotropin-Releasing-Hormon-] Agonist zur Anwendung kam und kein Antagonist. Zudem untersuchten wir die entsprechenden immunologischen Mechanismen.“

Drei Viertel der Frauen hatten nach ART einen Schub

In der betreffenden Studie analysierten Dr. Correale und seine Gruppe klinische, radiologische und immunologische Daten von 16 Patientinnen mit schubförmig remittierender MS, die sich insgesamt 26 ART-Zyklen unterzogen hatten.

Die Studienteilnehmerinnen erhielten täglich 100 ? 450 IU (Einheiten) eines GnRH-Agonisten und 150 ? 225 IU eines rekombinanten follikelstimulierenden Hormons (FSH) 7 ? 10 Tage lang sowie vaginal applizierbares Progesteron zur Unterstützung der Gelbkörperphase.

Zu Behandlungsbeginn erhielt keine der Patientinnen eine immunmodulatorische Therapie wegen ihrer MS.Die Infertilitätsbehandlungen wurden abgebrochen, sobald es zur Schwangerschaft kam, oder wenn die Behandlung aufgrund finanzieller Engpässe eingestellt werden musste.

Die 26 ART-Versuche führten zu 7 Schwangerschaften (27%), 3 Embryoverlusten, 1 Zwillingsgeburt und 3 Einzelgeburten. 2 von 5 lebend zur Welt gekommenen Säuglingen waren Frühgeburten. 75% der Patientinnen manifestierten nach der Infertilitätsbehandlung einen Schub. MS-Rückfälle wurden für 58% der Zyklen während 3 Monaten nach ART-Behandlung berichtet.

Die ART ging außerdem mit einer 7-fachen Erhöhung des Risikos einher, dass sich die Krankheit verschlechtern könnte. Gleichzeitig wurde ein 9 Mal höheres Risiko festgestellt, dass sich diejenige Krankheitsaktivität steigerte, die mittels Magnetresonanztomografie (MRT) festgestellt wurde.

Macht ART die Blut-Hirn-Schranke durchlässig?

Keine der 16 Patientinnen hatte während einer Phase von 9 Monaten vor Beginn der ART einen Rückfall erlitten oder im MRT erkennbare Aktivität gezeigt, stellte Dr. Correale fest. 73% der Verschlechterungen waren neu und 27% entsprachen einer Verschlechterung vorbestehender Symptome.

Zu den immunologischen Mechanismen, die bei diesen Exazerbationen eine Rolle spielten, zählen erhöhte Werte für die proinflammatorischen Zytokine Interleukin-8 und Interleukin-12, ?-Interferon und für den Wachstumsfaktor TGF-beta durch CD4+ T-Zellen, was als GnRH-vermittelte Wirkung interpretiert wird. Hinzu kommen eine erhöhte Produktion von Antikörpern gegen Myelinproteine und eine gesteigerte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für potentiell schädliche Zellen aus dem peripheren Blutkreislauf.

„Sämtliche dieser Wirkungen werden durch verschiedene Hormone vermittelt“, erläuterte Dr. Correale.

Zusätzlich haben er und sein Team ein in-vitro-Modell der Blut-Hirn-Schranke verwendet, um zu belegen, dass eine ART das Eindringen schädlicher peripherer Blutzellen in das ZNS begünstigt. Diese Wirkung wird durch die Induktion von Interleukin-8,  VEGF (vaskulärer-endothelialer Wachstumsfaktor) und das Chemokin CXCL-12 moduliert.

„Patientinnen unter ART sollten auf das Risiko erhöhter Erkrankungsaktivität hingewiesen werden“, erklärte Dr. Correale.

Langfristige unerwünschte Wirkungen unbekannt

Dr. Barbara S. Giesser, stellvertretende Vorsitzende des Department of Neurology an der David Geffen School of Medicine, University of California, Los Angeles, USA, sowie Sprecherin für die American Association of Neurology, stimmte der Forderung zu, dass die einschlägige Beratung (über derartige Risiken) ein wichtiger Teil des Gesprächs zwischen Arzt und Patient darstellen sollte.

„Ein großer Teil der Menschen, die an MS erkranken, sind junge Frauen in gebärfähigem Alter. Wenn diese Patientinnen eine ART wünschen, sollten sie wissen, dass aufgrund von Literaturhinweisen das Rückfallrisiko wie auch das Risiko für neue, im MRT sichtbare Entzündungsläsionen, erhöht wird“, unterstrich Giesser.

Was diese Studie aufgrund ihrer kurzen Dauer nicht beantwortet, ist die Frage, ob es langfristig als Folge dieser Therapie zu Erkrankungen kommt“, fügte Giesser hinzu.

„Derzeit gibt es keinerlei Daten, die darauf hinweisen, dass ein solcher Rückfall im späteren Verlauf potenziell gefährlich werden und das Risiko langfristiger Behinderung erhöhen könnte“, stellte sie fest. „Aber die Ärzte müssen hierüber Bescheid wissen. Die meisten Menschen, die an MS erkranken, sind junge, prämenopausale Frauen, und sie erkundigen sich zu Themen wie Fortpflanzung, Schwangerschaft, Menopause oder Menstruationszyklus. Dank dieser sehr sauber durchgeführten Studie können wir weitere Fragen zur ART beantworten.“

Dieser Artikel wurde von Dr. Immo Fiebrig aus Medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

    Correale J, et al.:Annals of Neurology (online) 3. Oktober 2012; DOI:10.1002/ana.23745
    http://dx.doi.org/10.1002/ana.23745

Autoren und Interessenskonflikte

Fran Lowry
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Immo Fiebrig
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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