Psychopharmaka in der Schwangerschaft – wenig belastbare Daten zur Sicherheit

Ute Eppinger | 23. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Wien – Dass Männer und Frauen verschieden sind, diese Binsenweisheit gilt ganz besonders in der Pharmakotherapie. „Gendermedizinisch gesehen gibt es nämlich große Unterschiede im Medikamenten- bzw. Substanzmetabolismus zwischen Frauen und Männern. Vor allem dann, wenn die Frau schwanger ist“, stellte Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz an der Medizinischen Universität Wien, beim 25. ECNP-Kongress in Wien klar.

Da Schwangerschaften häufig ungeplant eintreten - laut Fischer in 50% aller Fälle - kann es leicht zu einer unbeabsichtigten Medikamenten-Einnahme in der Frühschwangerschaft kommen. Da es sich aus ethischen Gründen verbiete, Schwangere in Doppel-Blind-Studien aufzunehmen, blieben nur retrospektive Studien, um das Risiko abzuschätzen, wie Psychopharmaka während der Schwangerschaft auf das Ungeborene wirkten, welche Mittel unbedenklich seien und von welchen man besser die Finger lassen sollte.

Studienlage ist recht beschränkt

„Diejenigen Studien, die Antidepressiva, Antipsychotika und Lithium untersuchen, sind aus Methodengründen nicht ganz verlässlich“, machte Prof. Dr. Megan Galbally vom Mercy Hospital for Women, Perinatal Mental Health in Heidelberg, Australien, deutlich. Ethische Erwägungen begrenzten die Möglichkeiten für placebokontrollierte Doppel-Blind-Studien, und so nutzte ein Großteil der Studien entweder ein prospektives Fall-Kontroll-Kohorten-Design, oder es wurden große bevölkerungsbasierte Datensätze untersucht und ausgewertet.

Beide Methoden bergen allerdings Schwierigkeiten. Prospektive Fall-Kontroll-Kohorten-Studien weisen oft nur sehr kleine Probandenzahlen auf. Und im Bereich psychotroper Medikamente während der Schwangerschaft nahmen die meisten Probanden nicht länger als 1 Jahr an Folgestudien teil. Daher sind solche Studien nur begrenzt aussagekräftig, weil sie möglicherweise eine verzerrte Rekrutierung von Probanden aufweisen. Außerdem dauerten viele Studien nicht lange genug, um entwicklungsbedingte Folgen für das Neugeborene abschätzen zu können.

Die Schwierigkeiten bei der Untersuchung großer bevölkerungsbasierter Datensätze liegen anders. Diese Methode sei einerseits durchaus geeignet, um sowohl zu dokumentieren, welche rezeptpflichtigen Mittel den Schwangeren verschrieben würden, als auch dafür, umfassend nach großen, entwicklungsbedingten Defiziten bei Kindern zu fahnden. Allerdings habe sie auch Schwächen, was Menge und Zeitpunkt der medikamentösen Exposition während der Schwangerschaft betreffe.

Langfristige Folgen für Schwangere und Kind  schwer zu ermitteln

Auch tendiere das Verfahren dazu, nur kurzfristige Überwachungszeiträume zur Messung primärer Ergebnisse zu nutzen. Hinsichtlich Compliance der Patienten weise das Design ebenfalls starke Mängel auf. All dies, so Galbally, mache es schwierig, die Risiken für Komplikationen bei Schwangerschaften und Neugeborenen zu ermitteln – und ähnlich sehe es für die betroffenen Kinder mit der langfristigen Sicherheit psychotroper Medikamente aus.

Da allerdings Nutzen und Risiken einer medikamentösen Behandlung psychischer Probleme für die betroffene Schwangere nur schwer abschätzbar seien, könne sich so eine zusätzliche psychische Belastung ergeben.

Wisse man andererseits um die Stärken und Schwächen der vorliegenden Daten, ermögliche dies den behandelnden Ärzten eine genauere Interpretation, um den betroffenen Frauen und ihren Familien zu helfen. „Man muss sich allerdings klar machen, dass auch eine unbehandelte psychiatrische Erkrankung große Risiken für Mutter und Kind birgt. Die Abwägung heißt also nicht: Kein Risiko gegen das Risiko von Schäden durch Psychopharmaka, sondern es heißt: Möglicher Rückfall mit möglichen gravierenden Folgen für Mutter und Kind gegen das Risiko möglicher Schäden durch Medikamente“, erklärte Galbally.

Sicherste Option für Mutter und Kind

Welches die sicherste Option für Mutter und Kind ist, das versuchte Prof. Dr. Salvatore Gentile vom Department of Mental Health am Mental Health Center Cava de Tirreni, Italien, auszuloten. Generell gelte: Psychopharmaka können teratogen wirken und so zu perinatalen Komplikationen, Entwicklungsverzögerungen und Komplikationen im Schwangerschaftsverlauf führen.

Wie Gentile weiter ausführte, seien in den vergangenen Jahren einige sich widersprechende Ergebnisse zur Sicherheit von psychotropen Medikamenten bei der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen in der Schwangerschaft publiziert worden. Deshalb bestehe die dringende Notwendigkeit, diese Informationen zu sichten, um daraus für Mutter und Kind die bestmögliche Option zu wählen.

In der frühen Schwangerschaft scheint das Risiko für fötale Anomalien während einer Therapie mit Antidepressiva unter Paroxetin und Chlorimipramin zu steigen, erklärte Gentile. In der späteren Schwangerschaft seien dann praktisch alle Antidepressiva mit dem potenziellen Risiko eines Prenatal Antidepressant-Exposure Syndrome (PAES) assoziiert. Dessen Folgen können ein zu frühes Einsetzen der Geburt sein, ein niedrigeres Geburtsgewicht, niedrigere Apgar-Werte sowie neurologische, gastrointestinale, respiratorische, kardiale und metabolische Symptome beim Neugeborenen [3].

Wird Lithium in der Schwangerschaft rehabilitiert?

Betrachte man die klassischen Stimmungs-Stabilisierer, dann müsse die Risikobewertung für kardiale Fehlbildungen, wie sie früher für Lithium beschrieben wurden, wohl abgemildert werden, so Gentile, dessen neueste Daten zu Lithium gerade veröffentlicht wurden. Im Gegensatz dazu zeige sich aber eine gestiegene Inzidenz für Neuralrohrdefekte und perinatale Komplikationen, die mit pränataler Lithiumbelastung in Verbindung gebracht wird.

Dabei stünden Valproat und Carbamazepin am stärksten in Verbindung mit Geburtsdefekten. Zudem wird das gestiegene Risiko für Erkrankungen aus dem autistischen Spektrum und kindliche Entwicklungsverzögerungen mit der Valproat-Aufnahme assoziiert. Keine signifikanten sicherheitsrelevanten Daten sind für die atypischen Antipsychotika verfügbar, obwohl sie das Risiko für perinatale Komplikationen direkt ansteigen lassen und indirekt, über einen Schwangerschaftsdiabetes, das Risiko für fötale Fehlbildungen vergrößern.

„Da es keine Psychotropika gibt, die völlig frei von Risiken für Fötus und Neugeborenes sind, muss die Entscheidung, eine medikamentöse Therapie zu beginnen oder fortzusetzen, immer von Fall zu Fall und in Abhängigkeit von der Schwere der Erkrankung und der Gefahr eines möglichen Rückfalls getroffen werden“, betonte Gentile. Allerdings, fügte er hinzu, sei es „höchst ratsam“ auf die Gabe von Chlorimipramin, Paroxetin, Valproat, Carbamazepin und atypischen Antipsychotika zu verzichten.

Referenzen

Referenzen

    25th ECNP Kongress. 13-17 Oktober 2012, Wien, Österreich.
    Educational Update Session: Clinical pharmacology and research during pregnancy
    http://www.ecnp-congress.eu/

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. Gabriele Fischer
Für Prof. Fischer liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

Prof. Dr. Megan Galbally
Prof. Galbally erhielt finanzielle Unterstützung der Firmen Wyeth, Lundbeck und Pfizer.

Prof. Dr. Salvatore Gentile
Prof. Gentile erhält Forschungsgelder von Almirall und hat Honorar von Eli Lilly erhalten.

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