Scham, Schuld und Scheitern – Kranke Ärzte tun sich schwer

Dr. Franz Jürgen Schell | 22. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Wenn Ärzte selbst krank werden, gelten sie nicht unbedingt als gute Patienten. Wie unangenehm es Ärzten ist, krank zu sein und wie schwer ihnen die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach längerer Erkrankung fällt, haben britische Psychiater untersucht. Im Medical Journal schreiben Max Henderson et al. vom Institute of Psychiatry des Kings College in London, dass die erkrankten Mediziner unter Scham und Selbststigmatisierung leiden.

Die englischen Kollegen sprachen in ihrer Studie 77 kranke Ärzte an. 19 von ihnen im Alter zwischen 27 und 67 Jahren nahmen schließlich teil. Die Diagnosen umfassten Depressionen, Angsterkrankungen, bipolare affektive Störungen und Alkoholabhängigkeit. Alle bis auf einen Teilnehmer hatten eine psychische Erkrankung. 7 hatten zudem körperliche Gesundheitsprobleme. Alle Teilnehmer konnten mindestens ein halbes Jahr aufgrund ihrer Krankheit nicht arbeiten. Sie wurden in halbstrukturierten Tiefeninterviews von 1-3 Stunden Dauer befragt.

Verlust der Identität schlimmer als finanzielle Einbußen

Die Befragten berichteten, dass ihrem Beruf große Bedeutung für ihre persönliche Identität zukommt. Oft hatten sie auch große Anstrengungen unternommen und Opfer gebracht, um den Beruf ergreifen zu können. Nicht arbeiten zu können, veränderte bei vielen daher ihre eigene Identität. Obwohl auch manche über finanzielle Einbußen klagten, wog der Verlust der beruflichen Identität deutlich schwerer. Ohne Arbeit fühlten sie sich verloren, isoliert und traurig. Auch über das Gefühl einer totalen Leere wurde berichtet. Letztlich überlagerte die Enttäuschung darüber,  nicht zu arbeiten sogar die eigentliche Krankheit. Die starke Identifizierung mit der Arbeit verstärkte die negativen Gefühle, weil die Teilnehmer kaum etwas anderes hatten, was eine ähnliche Bedeutung für sie gehabt hätte.

Eine wichtige Rolle spielten Familien und Umfeld. Einige der Teilnehmer beklagten eine negative Veränderung in den Beziehungen zu den Familienangehörigen und Freunden. Sie empfanden sich als Belastung, fühlten sich ausgeschlossen oder hatten den Eindruck, in deren Augen weniger wert zu sein. Andere berichteten über positive Erfahrungen und Unterstützung, die es ihnen ermöglichte, diese schwierige Phase durchzustehen.

Kollegen behandeln „normale“ Patienten anders

Ausgerechnet von Kollegen berichteten viele Teilnehmer negative Reaktionen auf ihre Situation. Die kranken Ärzte stellten diese Reaktionen aber nicht in Frage, sondern internalisierten sie sogar und beschrieben sich selbst mit „Scheitern“, „Schuld“, „Scham“ und „Missbehagen“. Auch wenn manche Probanden über eine gute Unterstützung durch das berufliche Umfeld berichteten, fiel vielen die Diskrepanz zwischen der Behandlung von Patienten, die selbst keine Ärzte waren, und ihrer eigenen durch die Kollegen auf. Sie fühlten sich herabgesetzt und verurteilt.
Was Ärzte als Patienten in ein „Loch“ fallen ließ, war die Erschütterung des Gefühls, im Rahmen ihrer Berufstätigkeit eigentlich unbesiegbar sein zu müssen. Auch beeinflusst durch die Sichtweise von Familie, Freunden und Arbeitskollegen sahen sie sich und ihre Situation sehr negativ. Die Rückkehr an den Arbeitsplatz wurde erschwert. Neben Scham fühlten die Betroffenen nicht nur ein geringes Selbstwertgefühl, sondern entwickelten sogar eine Selbststigmatisierung. 

Ähnliche Symptome bei deutschen Ärzten

 

Christoph Middendorf
 

„Die Ergebnisse der Studie decken sich mit unseren eigenen Beobachtungen“, sagt Christoph Middendorf, Chefarzt der Klinik Berlin/Brandenburg der auf Psychotherapie, Psychiatrie und Psychosomatik spezialisierten Oberbergklinik. Von den 55 Betten seiner Klinik sind 10 bis 20 % von Ärzten belegt, berichtet Middendorf. Dieses aus 3 Krankenhäusern bestehende Klinikensemble wurde von dem Arzt Prof. Dr. med. Matthias Gottschaldt gegründet, der selbst unter Burnout und unter einer Alkoholabhängigkeit gelitten hatte. Ähnliche Aussagen wie die der britischen Ärzte in der Studie hat Middendorf immer wieder gehört.

Die soziale Unterstützung hängt sehr vom Krankheitsbild ab, so Middendorf. Bei  Suchtpatienten ist das soziale Netzwerk meist schlechter, weil gerade abhängige Ärzte sich sehr spät in Behandlung begeben. Dann ist jedoch das soziale Netzwerk durch die Krankheit bereits stark beeinträchtigt oder die Familie gar zerstört. Auch am Arbeitsplatz sind die Betroffenen oft schon auffällig geworden, manche stehen kurz vor dem Entzug der Approbation. Bei depressiven Erkrankungen gibt es nach der Erfahrung des Psychiaters dagegen gute soziale Unterstützung. Aber prinzipiell werden die Angehörigen immer in die Nachsorge einbezogen, weil der Übergang nach der stationären Behandlung entscheidend ist.

Leistungsbereitschaft statt Selbstfürsorge

„Ärzte tun sich oft schwerer als andere Patienten“, sagt Middendorf im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Es fällt ihnen schwer zu kommunizieren, sie haben Bedenken, was andere denken, und leiden unter einem starken Schamgefühl, denn ihr Selbstwert als Arzt und Mensch ist erschüttert.“ Viele haben Angst, nicht mehr als vollwertige Person gesehen zu werden. Sie können sich auch in der Therapie nur schwer öffnen. Das liegt nach Middendorf am Selbstbild, das von Unverwundbarkeit, Leistungsfähigkeit und Immer-zur-Verfügung-Stehen geprägt ist.

Meist sind die Betroffenen damit schon aufgewachsen, oft in Familien mit hoher Leistungsbereitschaft, in denen emotionale Bedürfnisse eher verleugnet werden. Im Beruf kommt es zu Wechselwirkungen, wobei diese Eigenschaften immer erneut bestätigt und herausgefordert werden. Am Ende werden sie so zum Selbstläufer. Selbstfürsorge ist dagegen tendenziell schlechter ausgeprägt. „Wenn die gesamte Selbstwertregulation über die Arbeit lief, ist es schwierig, mit Krankheit oder Minderung der Leistungsfähigkeit umzugehen“, sagt Middendorf.

Für Middendorf ist die Unterstützung bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz ein essenzieller Teil der Behandlung. So kann zum Beispiel bei angestellten Ärzten in Absprache mit dem Arbeitgeber und dem Betriebsarzt eine gestufte Wiedereingliederung erfolgen. Die Leistungsanforderungen sollten eine Zeit lang reduziert sein. Wenn beispielsweise Depressive gleich wieder mit der Vollzeitstelle starten, kann sie das überfordern. Bei Suchtpatienten gehört auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe dazu – von denen es inzwischen sogar eigens solche für Ärzte gibt.

Überdies bietet die Klinik ein „nachstationäres Curriculum“ an, eine ambulante Maßnahme, bei der monatliche Labor- und Urinkontrollen gemacht werden. Wenn diese Untersuchungen unauffällig sind und der Betroffene die Selbsthilfe besucht, erhält er ein Attest zur Vorlage beim Arbeitgeber und der Approbationsbehörde. Prinzipiell ist es besser, wenn die Patienten offen mit ihrer Krankheit umgehen – nachdem sie ihre Scham überwunden haben. Lediglich bei Abhängigen, die bisher nicht auffielen, ist man zurückhaltender und forciert nicht das offene Umgehen mit der Sucht am Arbeitsplatz.

„Das Bild des Unverwundbaren lässt sich nicht aufrechterhalten“ sagt Middendorf und plädiert für eine Entstigmatisierung: Ärzte müssen lernen, sich und ihre Kollegen auch als Patienten zu sehen. Am besten wäre es, wenn das schon im Studium Eingang fände.

Referenzen

Referenzen

    Henderson M, et al.:BMJOpen (online) 15. Oktober 2012; DOI:10.1136/BMJOpen-2012-0011776

    http://dx.doi.org/10.1136/BMJOpen-2012-001776

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Franz Jürgen Schell
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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