Unnötige Operationen beim Mammakarzinom vermeiden

Dr. med. Kirsten Westphal | 17. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

München – Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Im Verständnis des Mamakarzinoms hat sich eine grundlegende Wandlung vollzogen. Wurde Brustkrebs bis vor wenigen Jahren noch als eine einzige Krankheitsentität angesehen, weiß man heute, dass es sich um eine Serie genetisch verschiedener Erkrankungen handelt, die sich nicht zuletzt im Hinblick auf die Prognose stark voneinander unterscheiden. Diese Erkenntnis hat zwar die systemische Therapie des Mammakarzinoms verändert, hatte allerdings bislang kaum einen Einfluss auf die lokale Therapie, erklärte Dr. Monica Morrow, Leiterin des renommierten Bruskrebs-Zentrums am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München.

MRT führt zu unnötigen Operationen

Noch gilt die Tumorlast als der bestimmende Faktor für die Entscheidung, ob eine Mastektomie vorgenommen wird oder brusterhaltend operiert wird und sich eine Bestrahlung anschließt. Der Fokus auf der Tumorlast hat zu Verwirrungen geführt, was den adäquaten Sicherheitsabstand bei der brusterhaltenden Lumpektomie, der alleinigen Entfernung des Tumors, betrifft. Bei Patientinnen, die jahrelang erfolgreich mit Strahlentherapie und systemischer Therapie behandelt wurden, werden oft allein aufgrund eines mittels Magnetresonanztomografie (MRT) entdeckten Lokalrezidivs ausgedehnte Exzisionen vorgenommen. Eine Prognoseverbesserung konnte dadurch jedoch nicht erreicht werden: „Bigger operations are not better operations – Ausgedehntere Operationen sind nicht bessere Operationen“, brachte es Morrow auf den Punkt.

Die Brustkrebs-Expertin fasste Studiendaten zusammen, nach denen im MRT zwar mehr Tumoren gefunden werden, diese Entdeckungen jedoch keine klinische Relevanz haben. „Das MRT findet Brustkrebs, der auf eine andere Art und Weise nicht gefunden werden kann – ohne dass dies prognostisch von Bedeutung ist“, so Morrow. Dies führe zu einer höheren Anzahl unnötiger Mastektomien. Weder kurzfristige OP-Ergebnisse noch langfristige lokale Kontrollen oder kontralaterale Krebsfälle konnten durch die MRT-Entdeckungen verbessert werden.

Die Tumorbiologie bestimmt die Lokalrezidivraten

Die wissenschaftliche Evidenz untermauert, dass die Lokalrezidivraten von der Tumorbiologie bestimmt werden, das heißt konkret vom Estrogen-Rezeptor-, Progresteron-Rezeptor- und HER-2-Status. Moderne zielgerichtete Therapien reduzieren das Risiko eines Lokalrezidivs. Damit bilden jene Patienten, die in Bezug auf diese Rezeptoren „dreifach negativ“ sind, die Gruppe mit dem höchsten Lokalrezidivrisiko nach Lumpektomie oder Mastektomie. Aber selbst in dieser Hochrisikogruppe konnte kein Vorteil durch ausgedehnte Exzisionen gefunden werden.

Entscheidend für die Prognose ist es, so Dr. Morrow, den Nutzen einer effektiven systemischen Therapie auf die lokale Kontrolle voll auszuschöpfen, sodass größere und die Patientin belastende Eingriffe vermieden werden können. Morrow untermauerte diese Aussage mit den Ergebnissen der (ACOSOG)Z11-Studie, einer randomisierten Studie zur Axilladissektion bei Patientinnen mit Mammakarzinom im klinischen Stadium T1/2 N0 M0 mit positivem Sentinel-Lymphknoten. Das wichtigste Ergebnis: Es ergaben sich für Patientinnen mit günstigem Gesamtrisikoprofil keine statistisch signifikanten Vorteile durch die zusätzlich durchgeführte Axilladissektion.

Man muss nicht alle Therapieregister ziehen

„Unsere aktuellen Leitlinien zur brusterhaltenden Therapie wurden vor mehr als 20 Jahren entwickelt, zu einer Zeit, als Patientinnen ohne Lymphknotenbefall keine systemische Therapie erhielten und die Therapien bei weitem nicht so effektiv waren wie heute“, so Morrow. Umdenken ist daher dringend erforderlich. Vor diesem Hintergrund gelte es insbesondere zu klären, inwieweit alle Brustkrebs-Patientinnen in gleichem Ausmaß operiert und bestrahlt werden sollten.

„Wichtig ist, dass wir diese Fortschritte in unserem Verständnis der Tumorbiologie und die sich daraus ergebende höhere Effektivität zielgerichteter Therapien und konsekutive Abnahme der Therapielast unseren Patientinnen nachhaltig kommunizieren“, betonte Morrow. „Nur so können wir das Verständnis für den Nutzen einer maßgeschneiderten Therapie schaffen anstelle alle Register zu ziehen, nur um ‚auf der sicheren Seite’ zu sein.“

Referenzen

Referenzen

  1. 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) vom 8. bis 13. Oktober 2012, München.
    Morrow M: Keynote Lecture am 9. Oktober 2012
    www.dggg2012.de

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. med. Kirsten Westphal
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Morrow hat erklärt, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

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