Migration kann psychische Belastung erhöhen

Andrea Westhoff | 15. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Vor dem Hintergrund der Debatte um Einwanderer wurde in den vergangenen Jahren in mehreren wissenschaftlichen Studien untersucht, ob Menschen in Deutschland, die einen Migrationshintergrund haben, häufiger an psychischen Störungen leiden. Jüngst wurden zum Beispiel Ergebnisse eines Forschungs-projektes zur "Seelischen Gesundheit und Migration (SeGeMi)" vorgestellt. Darin hat sich gezeigt: Zwar stellt Migration an sich keinen höheren seelischen Druck dar, wohl aber die Lebensumstände vieler Men-schen aus Einwandererfamilien. Dies gilt beispielhaft für einen Teil der in Deutschland lebenden Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Erhöhte psychische Belastung und weniger Therapie

Dem Statistischen Bundesamt (2011) zufolge hat etwa jeder fünfte Bundesbürger einen Migrationshinter-grund. Die meisten davon haben türkische Wurzeln. Im Rahmen von "SeGeMi" wurden erstmals epidemio-logische Daten zum seelischen Wohlbefinden von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund erhoben. Es zeigten sich bei ihnen Hinweise auf eine erhöhte psychische Belastung.

Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund nehmen bestimmte psychosoziale Hilfsangebote in geringerem Maße wahr. Das liegt unter anderem an Unterschieden im Krankheitsverständnis, vor allem aber auch an Bildungshintergrund und sozialer Situation. Dies kann im Verlauf der Behandlung zu Miss-verständnissen führen. Ferner zeigte sich die Bedeutung muttersprachlicher Angebote für die Gruppe der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Dabei geht es nicht nur um die Sprache: Die befragten MigrantInnen vermuteten auch ein besseres Einfühlungsvermögen bei Therapeuten mit derselben Mutter-sprache.

Seit langem fordern Fachkreise die "interkulturelle Öffnung" von sozialen und gesundheitlichen Versorgungseinrichtungen. So sollen etwa vermehrt Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in Versor-gungseinrichtungen arbeiten und so die Behandlung verbessern. Die SeGeMi-Studie ergab unter anderem, dass nicht selten jenen Menschen die Inanspruchnahme des Versorgungssystems verwehrt wird, die der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig sind. Zudem ist oft zu wenig Geld für Dolmetscher vorhan-den. Mitunter bestehen auch weiterhin Ressentiments gegenüber Menschen aus Einwandererfamilien.

Bei der Behandlung von Patienten mit psychischen Störungen, deren sprachlicher oder kultureller Hintergrund sich von dem des Behandlers unterscheidet, können Irritationen entstehen, die auch die Behandlungsqualität negativ beeinflussen. Die SeGeMi-Studiengruppe entwickelte erstmals ein entsprechendes interkulturelles Training für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychosozialer Einrichtun-gen. Das Forschungsprojekt "Seelische Gesundheit und Migration" unter der Leitung von Prof. Andreas Heinz (Berlin) und Prof. Uwe Koch-Gromus (Hamburg) wurde von der Volkswagen-Stiftung für eine Laufzeit von drei Jahren (2009-2012) finanziert und ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ein weiterer Forschungsstandort war die Marmara Universität Istanbul.

Diskriminierung und soziale Unsicherheit

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat kürzlich darauf hingewiesen, dass psychische Erkrankungen bei Migranten häufiger sind als im Bevölkerungsdurchschnitt. Prof. Dr. med. Andreas Heinz, Leiter des Forschungsbereichs International Mental Health an der Charité Berlin-Mitte und DGPPN-Vorstandsmitglied betonte, dass Diskriminierung im privaten oder beruflichen Umfeld sowie soziale Unsicherheiten wie Arbeitslosigkeit dafür wesentlich mitverantwortlich sind. Besonders schwierig sei die Situation bei Flüchtlingen, bei denen häufig zusätzlich noch traumatische Erlebnisse vorlägen. Ferner gingen Migranten mit psychischen Problemen häufig viel zu spät zu einem Arzt.

Erhöhte Suizidrate bei jungen türkischen Frauen

Eine andere – ebenfalls kürzlich abgeschlossene – Studie an der Charité hat bestätigt, dass türkischstämmige Mädchen und junge Frauen deutlich häufiger Selbsttötungsgedanken haben oder Suizid begehen als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Diese wissenschaftliche Untersuchung einschließlich einer Präventionskampagne war vom Bundesforschungsministerium finanziert worden. Bei jungen Frauen aus türkischstämmigen Familien, so die Leiterin des Projektes, PD Dr. Meryam Schouler-Ocak, kann der Konflikt zwischen traditionellen Rollenerwartungen und moderner Lebensform im Aufnahmeland eine oft nur schwer lösbare Belastung darstellen. Teil der Studie war eine aufwändige Aufklärungskampagne in Berlin unter dem Titel: "Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben" in deutscher und türkischer Sprache. Die Auswertung deutet darauf hin, dass Aufklärung einschließlich einer Hotline als erster Ansprechpartner und Lotse zu Versorgungsangeboten gute Ergebnisse bringt und sich das Modell auch auf andere Regionen übertragen lässt.

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Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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