Sport für Krebskranke – Fitnessprogramm vom Ironman-Onkologen

Roxanne Nelson | 5. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Sport treiben reduziert das Krebsrisiko und hilft bei der Genesung von Krebskranken. Doch scheint es, als würde diese Information bei den Patienten nicht ankommen.

Laut einer Studie, die kürzlich im Journal of Pain and Symptom Management veröffentlicht wurde [1], betreiben nur sehr wenige Krebspatienten Sport oder diskutieren dieses Thema mit ihrem Onkologen.

Die Erkenntnis, dass körperliche Aktivitäten und Sport, sogar in geringer Intensität, die Funktionsfähigkeit verbessern und die Symptome bei gebrechlichen und älteren Patienten und bei Patienten mit chronischen oder zehrenden Krankheiten besser in Schach halten, ist weit verbreitet. „Wir fanden jedoch in unserer Studie heraus, dass solche Patienten sich gerade nicht körperlich betätigten“, erklärte die leitende Autorin Dr. Andrea L. Cheville, Professorin für Physical Medicine and Rehabilitation an der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, USA. „Wir treiben als Bevölkerung keinen Sport, und wenn Menschen eine potentiell tödliche Krankheit entwickeln, denken Sie nicht an eine sportliche Betätigung.“

Eine bloßer Ratschlag ist nicht genug

Cheville wies darauf hin, dass Ärzte „ihren Patienten oft mitteilen, dass Sport treiben wichtig ist. Aber wir wissen nicht, ob Onkologen dies mit ihren Patienten besprechen.“

Zum Beispiel wird in der Forschung darauf hingewiesen, dass sportliche Übungen die krebsbedingte Müdigkeit – eines der vorherrschenden Symptome bei Krebspatienten – verbessern. „Behandlungsleitlinien wie die vom National Comprehensive Cancer Network nennen Sport und Bewegung als eine Strategie gegen die Müdigkeit“, meinte Cheville. „Aber diese Information erreicht die Patienten möglicherweise nicht.“

In dieser Studie gaben die Patienten hauptsächlich Alltagsverrichtungen als körperliche Aktivität an und realisierten nicht, dass derartige Arbeiten im Alltag nur einen minimalen Aufwand erfordern. Sie waren sich auch nicht bewusst, dass Sport wünschenswerte Wirkungen wie Ausdauer, größere Kraft und eine Abnahme der Symptome mit sich bringt.

Die Teilnehmer wünschten sich auch, mehr Anleitung von ihrem Onkologen zu erhalten. Keiner von ihnen berichtete, irgendeinen Ratschlag oder irgendwelche Informationen bezüglich Sport erhalten zu haben, abgesehen von dem Satz „Bleiben Sie aktiv!“.

Sport ist ein Breitspektrum-Gesundheitsförderer

In einer Vielzahl von Studien wurde nachgewiesen, dass Sport sowohl während der aktiven Behandlung als auch nach deren Abschluss die Lebensqualität von Patienten verbessern kann. Dieser Nachweis wurde durch zwei kürzlich veröffentlichte Untersuchungen [2] bestätigt.

Sport hat diesen beiden Metaanalysen zufolge einen positiven Effekt auf eine ganze Reihe von Gesundheitsfaktoren, die sich auf die Lebensqualität beziehen, etwa auf Sorgen, die die Krebserkrankung hervorruft, auf Körperbewusstsein, Selbstvertrauen, emotionale Gesundheit, Sexualität, Schlaf und soziale Funktionsfähigkeit. Sport verringerte zusätzlich Angst, Müdigkeit und Schmerzen.

Niemand habe bisher untersucht, was Patienten über sportliche Betätigung wüssten, erklärte Cheville. Dies sei die erste systematische Untersuchung zur Frage, was Patienten mit fortgeschrittenem Karzinom „über die Beziehungen zwischen ihrem Krebs, ihren Symptomen und sportlicher Betätigung wissen“.

Ungeachtet der Tatsache, dass dies eine kleine qualitative Studie sei, die ausschließlich Patienten mit Lungenkarzinom einbeziehe, war Cheville der Meinung, dass die Ergebnisse auf eine größere Population von Krebspatienten übertragen werden könnten.

Kluft zwischen Studien und der realen Welt

Cheville und ihre Mitarbeiter führten semistrukturierte Interviews mit 20 Patienten durch, die an einem nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom im Stadium IIIB oder IV erkrankt waren, und analysierten die Daten qualitativ. Die Teilnehmer wurden aus einer Gruppe von 202 Patienten mit Bronchialkarzinom im Spätstadium rekrutiert, deren Aktivitätsniveau und körperliche Funktionsfähigkeit mittels monatlicher Telefonanrufe überwacht wurden.

Die Teilnehmer wurden zu Folgendem befragt: ihrem Aktivitätsniveau, dem Einfluss ihrer Symptome auf ihre Aktivitäten, den Faktoren, die ihrem Sporttreiben im Weg stehen oder die das Sporttreiben erleichtern, sowie sportbezogene Anleitungen, die sie von ihren Ärzten oder Pflegekräften erhielten.

„Es besteht eine Kluft zwischen klinischen Studien zum Thema Sport und der wirklichen Welt“, bemerkte Cheville. „All diese großartige Forschung, aber sie gelangt nicht dorthin, wo die Patienten ihre Versorgung erhalten. Die Strukturen sind hinderlich.“

„Wie können wir Patienten unterweisen, insbesondere die, die vor der Entwicklung ihres Krebses keinen Sport getrieben haben?“, überlegte sie. „Das Verhalten zu ändern bedarf mehr als nur einer Beratung, die Patienten brauchen ein unterstützendes System“, fügte sie hinzu.

Übungsziele müssten realistisch und den individuellen Umständen angepasst sein. Die Erkenntnisse aus dieser Studie zeigen, dass etwa die gewohnte sportliche Betätigung des Patienten, sein Bildungsniveau, potentielle Hindernisse wie die Wetterverhältnisse sowie das Engagement des Onkologen, zu sportlichen Übungen zu ermuntern und diese zu besprechen, zu berücksichtigen seien, schreiben Cheville und ihre Mitautoren.

Ein Ironman-Arzt animiert Krebskranke zu sanfter Fitness

Zumindest eine Praxis unternimmt die Anstrengung, ihre Patienten über die normalen alltäglichen Tätigkeiten hinaus für Sport und Bewegung zu animieren. Dr. Frederick C. Tucker Jr. hat ein sanftes Fitnessprogramm in seiner Praxis in Fredericksburg, Virginia, USA, ins Leben gerufen. Dieses Programm wird durch ausgebildete Trainer angeleitet und kostet die Patienten nichts.

Tucker, der zweimal erfolgreich am Ironman-Triathlon auf Hawaii teilgenommen hatte, initiierte dieses Programm, nachdem er von seinen Patienten Berichte über ihr bewegungsarmes Leben gehört hatte. Das Programm startete im Mai dieses Jahres, nachdem Tucker die Besitzerin seines Fitnessstudios bat, ein sanftes Fitness-Programm für seine Patienten zu entwerfen.

„Es wurde sofort deutlich, dass der Verlust der Kondition ein schwerwiegendes Problem für Krebspatienten darstellt. Weniger körperliche Betätigung bedeutet weniger Lebensqualität und führt zu weiteren Behandlungskomplikationen“, erklärte Tucker in einer Pressemitteilung. „Regelmäßiger Sport, der den Fähigkeiten jedes Patienten angepasst ist, erhält die Stärke und die Flexibilität aufrecht. Zudem wird die Teilnahme an der Trainingssitzung zu einer weiteren Quelle für emotionalen und sozialen Halt.“

Insgesamt scheinen die Patienten laut der Pressemitteilung das Programm zu genießen und finden die Atmosphäre sehr angenehm und unterstützend. Einige berichteten, dass das Übungsprogramm auch ihre Energie, Flexibilität und die Konzentrationsfähigkeit erhöhte.

Dieser Artikel wurde von Dr. Katharina Freche aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

Referenzen

Referenzen

  1. Cheville AL et al.: J Pain Symptom Manage. 2012;44:84-94.
  2. Cochrane Database Syst Rev. 2012;8; DOI: 10.1002/14651858.CD008465.pub2, DOI: 10.1002/14651858.CD007566.pub2

Autoren und Interessenskonflikte

Roxanne Nelson
Es liegt kein Interessenkonflikt vor.

Die Studie wurde mit Geldern von der Fraternal Order of Eagles finanziert. Für die Autoren liegen keine relevanten Interessenkonflikte vor.

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