Drastische Erhöhung des Demenzrisikos durch Benzodiazepine

Ute Eppinger | 3. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Schlafstörungen nehmen mit zunehmendem Alter zu. Der Griff zur Schlaftablette aus der Gruppe der Benzodiazepine kann jedoch gravierende Folgen haben, wie eine am 27. September 2012 im British Medical Journal publizierte prospektive Studie nahe legt. Das Team um Prof. Bernard Bégaud und Dr. Sophie Billioti de Gage vom Département de Pharmacologie der Université Bordeaux stellten fest, dass die Einnahme von Benzodiazepinen das Demenzrisiko drastisch erhöht. Patienten über 65 Jahre, die anfangen, Benzodiazepine einzunehmen, haben ein um 50 % höheres Risiko, innerhalb von 15 Jahren an Demenz zu erkranken.

„Wenn man bedenkt, wie häufig Benzodiazepine verschrieben werden und wie viele mögliche Nebenwirkungen sie haben – dann sollte vor dem inflationären Gebrauch gewarnt werden“, schreiben die Autoren.

Angst- und krampflösend, zentral muskelentspannend, sedierend, schlaffördernd: Benzodiazepine sind bizyklische organische Verbindungen, von denen einige in der Medizin als Tranquilizer verwendet werden. Alle Benzodiazepine binden an GABA-Rezeptoren, die wichtigsten Inhibitoren im ZNS.

Substanzen mit der höchsten Missbrauchsrate

Weltweit gelten Benzodiazepine als die Substanzen mit der höchsten Missbrauchsrate, dennoch gehören sie in vielen Ländern zu den am häufigsten verordneten Arzneistoffen – insbesondere bei über 65-Jährigen. Laut Bégaud und Bilioti de Gage sind es in Frankreich 30 %, in Kanada und Spanien 20 %, in Australien 15% der Verordnungen. In den USA und in Großbritannien seien die Zahlen zwar niedriger, doch verbreitet seien Benzodiazepine auch dort. Viele Patienten nähmen entsprechende Medikamente über Jahre, obwohl Richtlinien vorschlagen, den Gebrauch auf wenige Wochen zu beschränken, kritisieren die Wissenschaftler.

In ihre populationsbasierte Substudie nahm das Team 1.063 Männer und Frauen mit einem Altersdurchschnitt von 78,2 Jahren aus dem Pool der in Frankreich seit 1987 laufenden PAQUID-Studie auf. Die Probanden waren zwischen 1987 und 1989 in die PAQUID-Studie aufgenommen und 20 Jahre begleitet worden. Zu Beginn der Studie waren die Teilnehmer frei von Demenz und nahmen keine Benzodiazepine.

Auch 3 Jahre später mussten sie frei von Demenzsymptomen sein und durften keine Benzodiazepine nehmen, um weiter beobachtet zu werden. Das erste Mal wurde nach 5 Jahren eine Gruppe identifiziert, die jetzt Benzodiazepine nahm. Zu festgelegten Zeitpunkten nach 8, 10, 13 und 15 Jahren definierten die Forscher neue Gruppen von Testpersonen, die jetzt (aber nicht vorher) Benzodiazepine einnahmen. Die Gruppen wurden getrennt gemessen und ausgewertet. Alle Ergebnisse wurden bereinigt nach Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Ausbildungsniveau, Familienstand, Alkoholkonsum, Diabetes, Hypertonie, Medikamenteneinnahme, Nachlassen in der Wahrnehmung und Depressionssymptome.

95 der 1.063 Patienten begannen während der Studie, Benzodiazepine zu nehmen. 253 (23,8 %) Fälle von Demenz wurden bestätigt, davon 30 unter den Benzodiazepin-Konsumenten und 223 unter den Nicht-Konsumenten.

In Frankreich häufigste Verordnung bei Depressionen und Angst

Die Benzodiazepin-Neueinnahme korrelierte mit einem kürzeren demenzfreien Überleben. In absoluten Zahlen lag die Chance des Auftretens von Demenz bei 4,8 von 100 Personenjahren in der Benzodiazepin-Gruppe gegenüber 3,2 von 100 Personenjahren in der nicht-exponierten Gruppe.

Die Forscher behaupten, dass ihre Daten die sich häufenden Belege untermauern, wonach der Benzodiazepin-Gebrauch mit der Entwicklung von Demenz assoziiert ist. „Wenn das zutrifft, ist das für die Allgemeinheit von großem Belang.“

Zwar können die Autoren nicht ausschließen, dass Schlafstörungen, Depressionen und Angst – die Hauptindikationen für eine Verordnung von Benzodiazepinen in Frankreich – auch früheste Anzeichen einer beginnenden Demenz sein könnten. Doch durch den Nachweis, dass sich die Entwicklung einer Demenz zeitlich deutlich später (Spitzen der Demenzentwicklung nach 7 und nach 10 Jahren) einstellt als die Ersteinnahme, konnten sie diese Wahrscheinlichkeit reduzieren.

Vor dem Hintergrund weiterer potenzieller schwerer Nebenwirkungen wie Sturzneigung und kognitive Einschränkungen sollten Ärzte zu erwartende Behandlungserfolge genau berechnen, eine Verordnung auf kurze Zeiträume begrenzen und vor unkontrollierter Einnahme warnen. Die Autoren regen an, weitere Forschung mit der Fragestellung anzugehen, ob ein Benzodiazepin-Gebrauch auch bei unter 65-Jährigen mit einem erhöhten Demenzrisiko korreliert.

Neu ist der lange Untersuchungszeitraum

„Verschiedene Studien haben schon früher darauf hingewiesen, dass die Kognition unter Benzodiazepinen beeinträchtigt ist und das Sturzrisiko in höherem Alter zunimmt“, sagt Prof. Dr. med. Richard Dodel, Co-Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Marburg zu Medscape Deutschland. Die Ergebnisse vorliegender Studie seien zwar nicht überraschend, „neu aber ist der lange Untersuchungszeitraum über zwei Jahrzehnte. Und es ist schön, dass sie unsere Vermutungen auf eine solide Basis gestellt hat.“

In den letzten Jahren, so Dodel, habe man lernen müssen, dass neuropsychiatrische Medikamente immer mehr Nebenwirkungen aufweisen. Zum Beispiel Antipsychotika, die mit zunehmendem Alter die Neigung zu Schlaganfällen und Sterblichkeit erhöhen. „Bei den Benzodiazepinen war uns klar, dass Langzeiteffekte auf die Kognition zu erwarten sind“, erklärt Dodel. Die aktuellen Ergebnisse würden zeigen, dass die Effekte noch stärker seien als vermutet.

Benzodiazepine sollten als Schlafmittel bei Älteren nicht mehr eingesetzt werden. „Einen Siebzigjährigen, der seit zwanzig Jahren Benzodiazepine nimmt, wieder davon abzubringen, das ist ein richtiger schmerzhafter Entzug“, berichtet Dodel. Denn schon nach 6 Wochen besteht Abhängigkeitsgefahr. „Benzodiazepine sind gute Medikamente bei Epilepsie oder starken Erregungszuständen, doch es gibt weitaus geeignetere Schlafmittel, leicht sedierende Antidepressiva beispielsweise.“

Schlafstörungen seien im Alter ein wirklich großes Problem, aber kein Arzt müsse heute noch auf Benzodiazepine zurückgreifen, stellt Dodel klar. Vor 15, 20 Jahren wurden sie noch verschrieben, „entsprechend gibt es ältere Patienten, die sie schon so lange nehmen. Heute ist man damit vorsichtig geworden. In der Ärzteschaft hat längst ein Umdenken stattgefunden.“

Referenzen

Referenzen

  1. Billioti de Gage S et al. BMJ (online) 27. September 2012; DOI: 10.1136/bmj.e6231
    http://www.bmj.com/cgi/doi/10.1136/bmj.e6231

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Das Forscherteam erklärt, dass
diese Studie durch akademische Forschungsfonds finanziert wurde;
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keinerlei Beziehungen oder Aktivitäten seitens der Forscher bestehen, die die vorliegende Arbeit beeinflusst haben.

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