Hometrainer verbessert die Stresswahrnehmung bei Depressivität

Dr. Susanna Kramarz | 3. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Dass moderat betriebener Sport bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen eine erfolgreiche Interventionsmethode darstellt, ist bekannt. An der Fakultät für Psychologie an der Universität Basel hat eine Untersuchungsgruppe gemeinsam mit Kollegen in den USA ein Design entwickelt, um die Hintergründe dieses Effekts zu evaluieren. Sie führten eine Untersuchung mit insgesamt 81 Probandinnen durch, von denen die eine Gruppe psychisch gesund war; die andere Gruppe hatte früher mindestens eine depressive Phase durchlebt.

Beiden Gruppen wurden nacheinander 2 traurige Filmsequenzen gezeigt. Es wurde untersucht, wie sehr sich die Frauen durch diese Filme belastet fühlten.

Im Intervall zwischen den beiden Filmsequenzen wurden die beiden Gruppen weiter unterteilt. Jeweils die Hälfte der Frauen blätterte in der Zwischenzeit in Zeitschriften, die andere Hälfte stieg auf ein Fahrradergometer.

In der gesunden Gruppe reagierten die Probandinnen stark emotional auf die erste Sequenz und sehr viel weniger auf die zweite. Die Gewöhnung hatte zur Aktivierung von Schutzmechanismen geführt. Zwischen der Zeitschriftengruppe und der mit der sportlichen Aktivität gab es keine Unterschiede.

Ganz anders reagierte die Gruppe der Probandinnen, die bereits eine depressive Erkrankung durchlebt haben. Während die Gruppe, die sich zwischen den beiden Filmsequenzen auf dem Hometrainer belastet hatte, in ihren Stressreaktionen mit der gesunden Gruppe vergleichbar war, trat bei den Studienteilnehmerinnen, die diese Gelegenheit nicht hatten, der gegenteilige Effekt auf: Sie erlebten den zweiten Film als sehr viel belastender als den ersten. Statt einer Gewöhnung war eine Sensibilisierung eingetreten. Die negativen Botschaften aus dem Film konnten nicht besser, sondern schlechter verarbeitet werden.

Sport kann Antidepressiva einsparen

Das bestätigt die Resultate anderer Untersuchergruppen, nach denen eine moderate sportliche Beschäftigung auch langfristig die Bewältigungsstrategien bei einer depressiven Erkrankung verbessern kann. Im „Mood Disorders Research Program“ des Southwestern Medical Centers der University of Texas konnte vor kurzem gezeigt werden, dass dauerhafte sportliche Aktivität bei depressiv Erkrankten das zweite Antidepressivum einsparen kann. Frauen, bei denen eine psychiatrische Familienanamnese vorlag, profitierten mehr von einer mäßigen sportlichen Belastung, Frauen ohne eine solche Vorgeschichte mehr von einer intensiveren Belastung. Bei Männern brachte das intensive Training unabhängig von der Familienanamnese bessere Erfolge als eine geringe Belastung.

In der Studie der Universität Basel wurden bisher nur Frauen untersucht. Die Studienleiterin, Dr. Jutta Mata, betont, dass in weiteren Studien auch die Stressbewältigungsstrategien depressiver Männer untersucht werden müssen, genau wie der Einfluss der sportlichen Belastung auf die Stressbewältigungsstrategien unter Alltagsbedingungen.

Betreuungsangebote im Leistungssport

Die Studienteilnehmerinnen der Basler Untersuchung waren keine Sportlerinnen. Deshalb sind die Ergebnisse nicht auf depressive Erkrankungen bei Leistungssportlern übertragbar. An der Deutschen Sporthochschule Köln gibt es seit 2011 eine spezielle Beratungsstelle für psychisch kranke und gefährdete Fußballprofis und andere Leistungssportler in Deutschland, die ein Betreuungsangebot für diese spezielle Gruppe und für ihr Trainingsnetzwerk anbietet. Hier geht es, so  Projektleiterin Marion Sulprizio, häufig zunächst darum, zu kommunizieren und zu akzeptieren, dass auch Leistungssportler und Leistungssportlerinnen depressive Erkrankungen entwickeln können. Für diese Sportler und Sportlerinnen ist ein vorübergehendes Aussetzen der Wettkampf- und Hochleistungsbelastung in vielen Fällen ein zwingender Schritt, um Heilungsreserven aktivieren zu können.

Referenzen

Referenzen

    Mata, J., et al: J Abnorm Psychol, Sep 17, 2012 (Advance Online Publication) | doi: 10.1037/a0029881

    Trivedi, MH et al. J Clin Psychiatry. 2011 May;72(5):677-84.

    www.mentalgestaerkt.de

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Susanna Kramarz
Es bestehen keine Interessenkonflikte.

Dr. Mata gibt in der Publikation keinen Interessenkonflikt an.

Marion Sulprizio gibt keinen Interessenkonflikt an.

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