Diabetes: 80 Prozent der Amputationen sind vermeidbar

Michael Simm | 2. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Berlin - Vier von fünf Amputationen infolge von Diabetes könnten vermieden werden, beteuern Vertreter der Deutschen Diabetes Gesellschaft im Vorfeld der 48. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Berlin. Die Voraussetzungen dafür benannte Prof. Dr. med. Ralf Lobmann, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik 3 – Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Bürgerhospital Stuttgart: Optimale Einstellung des Blutzuckers, frühzeitige Behandlung des diabetischen Fußsyndroms (DFS) und eine bessere Vernetzung der verschiedenen ärztlichen und nichtärztlichen Spezialisten im ambulanten und stationären Sektor.

Laut Lobmann liegt die Amputationsrate bei Diabetikern hierzulande im internationalen Vergleich im „oberen Bereich“. Die Zahl der Eingriffe bezifferte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetischer Fuß auf jährlich 40.000 - das sind zwei Drittel der 60.000 Amputationen, die in Deutschland insgesamt vorgenommen werden. Folgt man der Argumentation des Experten, ließe sich also durch die Optimierung der Diabetes-Therapie und -Pflege mehr als die Hälfte aller Amputationen im Land verhindern.

Spezialisierte Einrichtungen retten mehr Gliedmaße

Vernetzung, Qualitätssicherung und Zertifizierung sollen die Situation verbessern, und die von Lobmann geleitete Fachgesellschaft spielt dabei eine wichtige Rolle. Seit fast zehn Jahren zertifiziert sie Kliniken und Praxen für die Behandlung des diabetischen Fußsyndroms. „Seitdem liegt die Rate der hohen, oberhalb des Sprunggelenks gelegenen Amputationen konstant niedrig bei 4 Prozent“, so Lobmann. Diese sogenannten „Majoramputationen“ stellen nicht nur eine stärkere Beeinträchtigung der Patienten dar, sie sind auch mit einer schlechteren Prognose verbunden: Mehr als die Hälfte der Betroffenen muss binnen 4 Jahren auch auf der Gegenseite amputiert werden.

„Wir wissen heute, dass in spezialisierten Einrichtungen deutlich bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen sind“, sagte Lobmann. Entscheidend seien eine fach- und sektorenübergreifende Struktur, die ärztliche Spezialisten wie Diabetologen, Gefäßchirurgen, Radiologen oder Orthopäden sowie Diabetesberater, Wundassistenten, Ernährungsberater, Podologen oder Orthopädie-Schuhmacher miteinander vernetzt.

Dass solche multidisziplinären Teams die Amputationsrate beim DFS verringern können, bestätigen auch unabhängig voneinander 2 italienische Arbeitsgruppen, die ihre Resultate auf der EASD-Tagung vorstellen werden. Dr. med Silvia Acquati und ihre Kollegen von der Abteilung für Endokrinologie und Metabolische Erkrankungen im italienischen Forli erfassten alle Amputationen der unteren Extremitäten unter den mehr als 150.000 Einwohnern der Stadt.

Behandlungschaos beseitigt, Amputationsrate bei Diabetikern gesenkt

Dort habe man den diabetischen Fuß bis 2007 „auf chaotische Weise mit unterschiedlichen Spezialisten“ gemanaged. Mit der Bildung eines multidisziplinären Teams für Diagnose und Therapie sank die jährliche Hospitalisierungsrate durch Amputationen bei Diabetikern von 4,5 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2005 auf 0,6 im Jahr 2011, wogegen für die Amputationen bei Nicht-Diabetikern keine wesentliche Reduktion erzielt wurde [1].

Eine ähnliche Entwicklung verzeichnete das Team um Dr. med. Roberto Anichini von der Diabetes Einheit der Inneren Medizin in Pistoia, einer Stadt von etwa 170.000 Einwohnern. Dort wurde der International Consensus on Diabetic foot lesions (ICDF) in die Praxis umgesetzt, so dass alle Diabetiker mindestens einmal jährlich auf das DFS untersucht und bei positivem Befund an eine spezialisierte Einheit überwiesen werden. Parallel dazu verringerte sich zwischen den Jahren 2004 - 2011 die Zahl der jährlich beobachteten Läsionen um 45 %, und die Rate der Amputationen ging von 3 /100000 Einwohnern auf 1,8 zurück [2].

Referenzen

Referenzen

    Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft. 28.September 2012, Berlin

  1. 48th Annual Meeting of the European Association for the Study of Diabetes (EASD), 1. - 5. Oktober 2012, Berlin. Acquati, S: Abstract 1165
  2. 48th Annual Meeting of the European Association for the Study of Diabetes (EASD), 1. - 5. Oktober 2012, Berlin. Anichini R: Abstract 1166

Autoren und Interessenskonflikte

Michael Simm
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