Auf dem Weg zur personalisierten Krebsmedizin

Dr. Erentraud Hömberg | 1. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

 

Prof. Martine Piccar
 

Wien - „Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis wir wirklich über personalisierte Krebsmedizin sprechen können“. Das sagte Prof. Martine Piccart, die Präsidentin des diesjährigen Kongresses der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Wien, dessen Hauptthema eben diese personalisierte Krebsmedizin darstellt und sich fast durch alle Vorträge zieht. 16.000 Onkologen aus der ganzen Welt treffen sich vom 29. September bis zum 2. Oktober 2012 in Wien, um sich über die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse in der Krebsmedizin zu informieren. In 4 Tagen sollen 2000 Studien präsentiert und diskutiert werden.

Trotz des breiten Spektrums an Themen wird ein Trend, der sich schon seit ein paar Jahren abzeichnet, auch auf diesem Kongress immer deutlicher: Der Trend zur maßgeschneiderten Therapie, die mithilfe molekulardiagnostischer Verfahren die spezifischen Genmutationen eines Tumors angreifen und ihn damit eliminieren will. Während klassische Zytostatika meistens nach dem Gießkannenprinzip die sich schnell teilende Krebszellen im Wachstum hemmen, sollen die neuen Tumormedikamente den Zellzyklus und damit das Tumorwachstum anhalten.

 „Vor zwanzig Jahren hätte ich mir eine solche Explosion von zielgerichteten Therapien, die es seither gegeben hat, nicht vorstellen können. Das sind natürlich tolle Nachrichten für unsere Patienten“, so Piccart. Aber sie schränkt auch ein: „Zur Zeit behandeln wir nicht wirklich individuell, sondern ganze Gruppen von Patienten. Darum sollten wir besser von „stratifizierter Medizin“ sprechen. Wenn wir ein Target für eine Mutation entdecken, dann behandeln wir damit alle Patienten, die diese Mutation aufweisen. Aber sie funktionieren nicht bei allen. Bei manchen sehen wir dramatische Remissionen, bei anderen überhaupt keine, obwohl sie dieselben Medikamente erhalten haben. Unsere Aufgabe ist es, unter unseren Patienten jene herauszufinden, die von der Therapie profitieren und jene, die nicht davon profitieren werden. Mehr und mehr erkennen wir, wie unglaublich geschickt Krebszellen darin sind, alternative Wege für ihr Überleben zu finden, wenn wir ihnen einen davon blockieren“.

Das Ende der randomisierten Studien?

 

Prof. Fortunato Ciardiello
 

Prof. Fortunato Ciardiello, Onkologe an der Universität Neapel und Presse Offizier des ESMO-Kongresses, sekundiert: „Krebs ist äußerst kompliziert und Krebszellen sind hochintelligent. Sie kennen so viele Mechanismen, um sich der Zerstörung zu entziehen. Wir brauchen die genaue Biologie des Tumors und der Metastasen“. Damit zieht seiner Meinung nach auch eine neue Ära für die klinische Forschung herauf: „Wir sind am Ende der altmodischen randomisierten Studien. Wir können keine neuen Medikamente anbieten, wenn wir nicht jede Person einzeln untersuchen. Dazu müssen wir international zusammenarbeiten und auch die Daten austauschen können“. Das sind jeweils nur kleine Schritte, doch Schritt für Schritt kommen wir voran“, so Ciardiello.

 

Dr. Josep Tabernero
 

Einige dieser Schritte auf dem Weg zur personalisierten Krebsmedizin und einige Highlights, die auf dem Kongress erwartet werden, erläuterte auf der Eröffnungspressekonferenz der spanische Onkologe und wissenschaftliche Leiter des ESMO, Dr. Josep Tabernero:

  • Beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC), das 85 % aller Fälle von Lungenkrebs ausmacht, soll das zielgerichtete Therapeutikum Crizotinib bei rund zehn Prozent der Patienten das progressionsfreie Überleben signifikant verlängern und die Lebensqualität verbessern.
    Diese Patientengruppe kann man ziemlich genau aufgrund von Genmutationen identifizieren. Ähnliche Vorteile werden von der Substanz Pazopanib beim Nierenkarzinom erwartet.
  • Eine groß angelegte französische Studie dient dazu, die optimale Dauer der Therapie von Brustkrebspatientinnen mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab zu bestimmen. Bisher werden die Patientinnen damit 1 bis 2i Jahre mit gutem Erfolg behandelt. Doch möglicherweise reicht eine kürzere Therapiedauer aus. Wenn dies der Fall wäre, könnten deutlich Kosten gespart werden. 
  • Bei Sarkom-Erkrankungen  lassen sich womöglich auch mit einer weniger aggressiven Behandlung vergleichsweise gute Effekte erzielen, wie eine Studie zeigen dürfte.
  • Möglicherweise kann die Überlebenszeit von schwerstkranken Brustkrebspatientinnen verlängert werden, wenn man einen Antikörper an ein Chemotherapeutikum koppelt, das in vorangegangenen Studien bereits vielversprechend war. Auf dem ESMO sollen nun erstmals Daten dazu veröffentlicht werden.
  • Nach 20 Jahren Fehlschlägen deuten erst Anzeichen darauf hin, dass Immuntherapien, die zusätzlich zu anderen Medikamenten verabreicht werden, einen Beitrag zu körpereigenen Abwehr bösartiger Zellen leisten könnten.

Erfolge durch die Kombination von Wirkstoffen

Die künftigen Erfolge der Krebsmedizin sieht Tabernero ohnehin in der Kombination verschiedener Wirkstoffe. „In den meisten soliden Tumoren wirken einzelne Medikamente höchstens 1 oder 2 Jahre, bis die Tumorzellen Abwehrstrategien entwickelt haben. Wenn wir aber durch mehrere Wirkstoffe auch mehrere Mutationen in mehrere Genen erreichen, kann sich die DNA nicht mehr selbst reparieren und dies führt unweigerlich zum Tod der Zelle, zur sogenannten ‚synthetischen Letalität‘“.

Es müssen indes nicht immer innovative Arzneimittel sein, auch „alte“ Medikamente eigenen sich für Kombinationstherapien.

Prof. Christoph Zielinski, Onkologe am Universitätsklinikum Wien und Lokalmatador des Kongresses, sieht die Zukunft der Krebsmedizin optimistisch: „Über 900 Arzneimittel zur Behandlung verschiedenster Krebserkrankungen befinden sich in klinischen Studien, mehr als je zuvor. Zu vielen dieser Entwicklungen werden auf dem ESMO 2012 die aktuellen Ergebnisse präsentiert. Mit Spannung erwarten wir u. a. Studien über neue Therapien bei Magen-, Darm-, Lungen- und Brustkrebs, die zum Teil die aktuellen Behandlungsstandards nachhaltig verändern oder die Richtigkeit der bisherigen Vorgehensweise bestätigen dürften.“

Die neuen zielgerichteten Medikamente stellen zwar eine Bereicherung für die Therapie von Krebserkrankungen dar, sind aber mit enormen Kosten verbunden. Pro Patient und Jahr kann ein neues Medikament weit über 50.000 Euro kosten. Dazu kommt, dass nur bestimmte Patientengruppen davon profitieren, die man zurzeit noch nicht genau von den anderen selektieren kann. Das Statement von Ciardiello zu diesem Thema dürfte der Pharmaindustrie gefallen, bei Kassen und Versicherern aber auf wenig Gegenliebe stoßen: „Wir schauen nicht auf die Kosten, sondern nur auf die beste Art der Behandlung. Wenn wir einen Weg finden, der jeweils richtigen Person die optimale Therapie zu geben, dann ist das auch kosteneffektiv“

Referenzen

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    NA

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Martine Piccart
Beratung/Honorare: GSK, Roche

Prof. Fortunato Ciardiello
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.
Dr. Josep Tabernero
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Christoph Zielinski
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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