Crizotinib bei ALK-positiven Lungenkrebs besser als Chemotherapie

Dr. Erentraud Hömberg | 1. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Wien - Die Ergebnisse einer neuen Phase-3-Studie beweisen, dass die zielgerichtete Therapie mit Crizotinib bei Patienten mit fortgeschrittenem ALK-positiven Lungenkrebs wirksamer ist als die Standard-Chemotherapie. Das sagten Wissenschaftler auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) 2012 in Wien.

Bei Crizotinib handelt es sich um die Substanz PF-02341066, die in Tablettenform zur Verfügung steht. Sie hemmt die Aktivität der Anaplastischen Lymphomkinase, der ALK-Tyrosinkinase, die aufgrund einer Mutation in den Tumorzellen verändert ist. Diese EML4-ALK Mutation findet sich allerdings nur bei 3 bis 7 % aller Patienten mit nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (non-small cell lung cancer, NSCLC). Bei Adenokarzinomen der Lunge ist sie in 10 bis 20% der Tumoren nachweisbar. Der Hemmstoff kann also nur bei einer kleinen Zahl von Patienten mit Lungenkrebs wirksam werden. Voraussetzung ist der Nachweis der speziellen Mutation, die zu einem EML4-ALK-Fusionsgen führt.

Eine Behandlung von Tumorzellen mit Tyrosinkinaseinhibitoren führt zu einer Suppression des nachgeschalteten Signalweges, der für das Überleben der Zellen notwendig ist, und somit zur Apoptose der Tumorzellen. Die Therapie mit Crizotinib ist ein palliativer Behandlungsansatz mit dem Ziel, das Tumorwachstum zu bremsen, Symptome zu lindern und Komplikationen zu verhüten. Eine Heilung kann damit nicht erzielt werden. Doch bereits in früheren, nicht-kontrollierten Studien zeigte sich, dass Crizotinib bei Patienten mit ALK-positivem Lungenkarzinom einen signifikanten klinischen Effekt erzielt.

7 Monate längere progressionsfreie Überlebenszeit

„Dies ist die erste Studie, in der Crizotinib mit einer Kontrollgruppe, die die Standard-Chemotherapie erhielt, verglichen wurde“, sagte die Leiterin der Studie, Dr. Alice Shaw vom Massachusetts General Hospital Cancer Center in Boston, USA. „In ALK-positiven Patienten, die bereits mit einer platinbasierten-Chemotherapie vorbehandelt wurden, ist Crizotinib der Standard-Monotherapie überlegen und zwar hinsichtlich der Ansprechrate, des progressionsfreien Überlebens und der Lebensqualität. Diese Ergebnisse etablieren Crizotinib als Standardtherapie für Patienten mit einem fortgeschrittenen und vorbehandelten ALK-positiven Lungenkarzinom.“

Die weltweit laufende randomisierte Phase-III-Studie verglich die Wirksamkeit und Sicherheit von Crizotinib gegenüber der Standard-Chemotherapie mit Pemetrexed oder Docetaxel bei 347 Patienten mit ALK-positiven Lungenkarzinom, die bereits mit Chemotherapie vorbehandelt worden waren.

Crizotinib erhöhte danach das progressionsfreie Überleben um durchschnittlich 7,7 Monate gegenüber 3 Monaten mit der herkömmlichen Chemotherapie (Hazard Ratio 0.49; 95 % CI 0.37 – 0.64; P < 0.0001). Die gesamte Ansprechrate war bei den mit Crizotinib behandelten Patienten ebenso signifikant höher (65 % vs 20 %; P < 0.0001).

Dennoch, so Studienleiterin Shaw, sei die Analyse der Gesamt-Überlebensrate mit den beiden Medikamenten insuffizient. „Bisher haben wir noch nicht genügend Beweise, um aussagekräftige Schlüsse zu ziehen.“ Shaw erklärt das Problem folgendermaßen: “Es ist wichtig zu wissen, dass es in der Studie einen signifikanten Wechsel von der einen in die andere Gruppe gab. Patienten, die in die Chemotherapie-Gruppe randomisiert wurden und deren Tumor progredierte, erhielten die Erlaubnis, in die Crizotinib-Gruppe zu gehen. Somit bekam die Mehrheit der Patienten aus dem Chemotherapie-Arm schließlich doch das neue Medikament. Das macht die Bestimmung des Vorteils für das Gesamtüberleben sehr schwierig.“

Mehr Nebenwirkungen – dennoch bessere Lebensqualität

Verglichen mit der Mono-Chemotherapie zeigten sich bei der Crizotinib-Gruppe häufiger Nebenwirkungen. „Dennoch stuften die Patienten, die Crizotinib bekamen, ihre Lebensqualität höher ein als jene mit Chemotherapie,“ sagte Shaw.

Dr. Enriqueta Felip, Leiterin der Abteilung für Lungenkrebs am onkologischen Zentrum des Vall d'Hebron Universitätsklinikums in Barcelona und Vorsitzende der Symposien über Lungenkrebs am ESMO, die nicht an der Studie beteiligt war, kommentierte die Ergebnisse:

“Die Resultate sind für die Klinik von großer Bedeutung. Crizotinib, eine Tablette zum Einnehmen, ist wesentlich effektiver als die Standard-Chemotherapie in vorbehandelten Patienten mit der spezifischen ALK-Mutation. Das ist die erste randomisierte Studie bei einer Gruppe von Lungenkrebs-Patienten, die präzise auf diese Mutation hin selektiert wurden. Nach der weltweiten Einführung einer zielgerichteten Therapie bei Lungenkrebs-Patienten mit einer anderen molekularen Veränderung – der EGFR-Mutation – ist dies die zweite Gruppe von Patienten mit Lungenkarzinom, die einen klaren Vorteil durch die Behandlung mit einem zielgerichteten Medikament haben. Die Ergebnisse dieser Studie bedeuten einen wichtigen Schritt in Richtung individualisierter Medizin bei Lungenkrebs-Patienten.“

Referenzen

Referenzen

  1. ESMO 2012 - Kongress der European Society for Medical Oncology, 28. September - 2. Oktober 2012, Wien

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Alice Shaw
Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

Dr. Enriqueta Felip
Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor

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