ESMO 2012: Weltweites Leid durch unbehandelte Tumorschmerzen

Dr. Erentraud Hömberg | 1. Oktober 2012

Autoren und Interessenskonflikte

 

Prof. Kathleen Foley, Prof. Nathan Cherny
 

Wien – Regierungen auf der ganzen Welt lassen Hunderte Millionen von Krebspatienten unnötig leiden, weil sie ihnen keine Schmerzmittel zur Verfügung stellen. Zu diesem Ergebnis gelangt eine internationale Studie der Europäischen Gesellschaft für onkologische Medizin (ESMO), die im Rahmen einer Special Session in Wien vorgestellt  wurde.

„Die neuen Zahlen zeichnen ein schockierendes Bild über das Ausmaß unbehandelter Krebsschmerzen rund um den Globus“, so Prof. Nathan Cherny, Leiter des Reports vom Shaare Medical Center in Jerusalem und Moderator der ESMO-Arbeitsgruppe zur palliativen Versorgung.
„Der Grund ist nicht, dass es einen Mangel an wirksamen Medikamenten gäbe, sondern dass die meisten Patienten keinen Zugang zu ihnen haben. Nicht nur Patienten leiden, auch ihre Familienmitglieder sind permanent mitbetroffen und quälen sich mit ihren Angehörigen.“

Das internationale Gemeinschaftsprojekt zur Überprüfung der Verfügbarkeit von Schmerzmedikamenten bei Krebs wurde von der ESMO initiiert und mit der European Association of Palliative Care (EAPC), der Pain and Policies Study Group (PPSG) an der University of Wisconsin/USA, der Union for International Cancer Control (UICC) und der WHO koordiniert. Unterstützt wurden sie dabei von 17 internationalen onkologischen Vereinigungen und Organisationen zur Palliativversorgung. Das Projekt wurde unter der Schirmherrschaft der ESMO-Projektgruppe für Entwicklungsländer durchgeführt und von Dr. Adamos Adamou, Zypern, geleitet. 

Die Daten wurden zwischen Dezember 2010 und Juli 2012 erhoben. Experten legten 156 Berichte aus 76 Staaten und 19 indischen Bundesstaaten vor. Diese Berichte repräsentieren 58 % der Länder und 83 % der 5,7 Milliarden Menschen, die in Afrika, im Mittleren Osten, in Latein- und Zentralamerika sowie in der Karibik leben.

Gesetze und Bürokratien behindern die Schmerzbekämpfung

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass nur in einem kleinen Teil dieser Länder alle 7 essentiellen schmerzsstillenden Opioide – Kodeine, schnell und langsam wirkende orale Morphine, orale Oxycodone, transdermale Systeme, subkutane bzw. intravenöse Injektionen/Infusionen – zur Verfügung gestellt werden.

In den meisten Entwicklungsländern kommen weniger als 3 der therapeutischen Optionen zum Einsatz. Hinzu kommt, dass Schmerztherapeutika von den jeweiligen Regierungen gar nicht oder nur gering subventioniert werden und der Zugang stark eingeschränkt ist. Viele Staaten haben restriktive Gesetze, die auch berechtigte Ansprüche von Krebspatienten limitieren, und eine überbordende Bürokratie, die Ausnahmegenehmigungen verhindert.

„Die Studie hat eine noch nie da gewesene Fülle an Informationen erbracht. Sie bildet die Voraussetzung, um nationale Pläne zur Krebstherapie zu reformieren“, so Cherny. „Wir wissen nun, welche Länder suboptimale Arzneimittellisten zur Schmerzbehandlung haben. Wir wissen nun, wie viele Patienten ihre Arzneien selbst bezahlen müssen und wir wissen nun, welche Länder übertriebene gesetzliche Barrieren aufbauen, die es Patienten nahezu unmöglich machen, ein Rezept für  Schmerzmittel zu bekommen. Das Resultat dieser Politik zeigt sich an Hunderten  Millionen Patienten, die keinen Zugang zu wichtigen schmerzlindernden Medikamenten haben.“

Nathan Cherny zeigte sich entschlossen, das Problem auf allen Ebenen zu bekämpfen. „Krebsschmerz ist eine der größten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme weltweit. Wir engagieren uns dafür, dass alle Restriktionen aufgehoben werden. Durch eine organisierte und koordinierte Vorgehensweise möchten wir Schmerzen reduzieren, wo immer Patienten darunter leiden.“

Weltweites Problem trotz Leitlinien und Fortbildungsprogrammen

 

Dr. Carla Ripamonti
 

Dr. Carla Ripamonti, Leiterin der Palliativstation am National Cancer Institute in Mailand, Mitglied der ESMO-Gruppe für supportive und palliative Behandlung, und nicht an der Studie beteiligt, stimmte Cherny zu: „Trotz Leitlinien und Fortbildungsprogrammen sind die unbehandelten Schmerzen bei Patienten mit soliden Tumoren und bösartigen Bluterkrankungen ein grundlegendes und weltweites Public-Health-Problem.“

Ripamonti berichtete von Untersuchungen, denen zufolge mehr als 64 % der Patienten mit metastasiertem oder fortgeschrittenem Tumor oder in der terminalen Phase von Krebsschmerzen betroffen sind. Hinzu kommen 59 % der Patienten während und 33 % nach einer kurativen Therapie. „Laut WHO betrug die Inzidenz von Krebs im Jahr 2008 über 12,6 Millionen, im Jahr 2020 werden es Prognosen zufolge 15 Millionen  sein. Die Zahlen zeigen, dass durch Krebs verursachte Schmerzen jetzt und in Zukunft zu den größten Problemen der Gesundheitssysteme in der Welt gehören“, so Ripamonti.

Es gibt auch positive Beispiele

Prof. Kathleen Foley ist Neurologin am Palliativzentrum des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York, und medizinische Direktorin der internationalen Palliative Care Initiative des Open Society Foundations Public Health Program.

Sie plädierte für eine klare Politik zur Schmerzbekämpfung, ist sich aber der Schwierigkeiten bewusst, Regierungen vor allem in Entwicklungsländern das klar zu machen. „Dort müssten in erster Linie die Medikamente kosteneffektiver werden. Dann brauchen wir eindeutige Implementierungspläne, um den Outcome zu kontrollieren. Morphium ist dafür ein Indikator, aber wir wollen mehr als Morphium. Zunächst müssten wir alle Stakeholder in einem Meeting zusammenbringen um überhaupt das Bewusstsein für das Problem der Schmerzbekämpfung zu schaffen und Barrieren für den Opiat-Zugang abzubauen. Für die Patienten brauchen wir internationale Dokumente in einer Symbolsprache, die sie und ihre Angehörigen verstehen.“

Foley brachte aber auch positive Beispiele. In Ländern wie Rumänien, Chile oder Uganda sei es in Zusammenarbeit mit der WHO gelungen, die Zahl der Patienten mit Krebsschmerz deutlich zu reduzieren und ihnen einen einfacheren Zugang zu den entsprechenden Medikamenten zu verschaffen.

„Wir müssen Schritt für Schritt und Land für Land vorgehen“ so Foley, „dann können wir gemeinsam und mit viel Geduld eine bessere Situation für Krebspatienten in Entwicklungsländern erreichen.“



Referenzen

Referenzen

  1. Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO), 28.09.-02.10.2012, Wien. Cancer pain management: First presentation of the findings of the International Collaborative Project. 1707 Special session; 29.09.2012

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Erentraud Hömberg
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Nathan Cherny:Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Dr. Carla Ripamonti: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Kathleen Foley: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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