Fibromyalgie - Multimodale Therapie gegen den Schmerz?

Ute Eppinger | 25. September 2012

Autoren und Interessenskonflikte

 

Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek
 

Bochum - Im Kreuz, im Brustkorb, an beiden Armen und an beiden Beinen: Das Fibromyalgie-Syndrom ist gekennzeichnet durch starke chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen. Hinzu kommen Schlafstörungen, Müdigkeit, geistige und körperliche Erschöpfung, „so dass man zum Beispiel die tägliche Arbeit nicht mehr bewältigen kann“, betonte Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek, Chefarzt am Zentrum für Innere Medizin – Schwerpunkt Rheumatologie/Physikalische Medizin – an den Mühlenkreiskliniken (Mkk) in Minden, auf dem 40. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie in Bochum. Depressive Störungen können hinzu kommen, müssen aber nicht.

Von Fibromyalgie, so der Experte, sind 3 bis 4 % der Bevölkerung betroffen, häufig Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Aber auch jüngere Frauen, Männer und Kinder können betroffen sein. „Es handelt sich bei der Fibromyalgie um eine „wirkliche“, am ehesten als anhaltende somatoforme Schmerzstörung zu bezeichnende Erkrankung“, erklärte Lakomek.

Beschwerden bestehen oft ein Leben lang

Kennzeichnend seien die starken Schmerzen am ganzen Körper, dazu oft Schlafstörungen, Magen-, Darm- oder Herzbeschwerden und seelische Beschwerden, ohne dass eine somatische Ursache (wie zum Beispiel eine Gelenkentzündung bei rheumatoider Arthritis) gefunden werden könnte. „Die Beschwerden sind chronisch und führen zu einer deutlichen Funktionseinschränkung im Alltag“. Oft bestehen die Beschwerden ein Leben lang, können aber deutlich gebessert werden. „Es kommt nicht zu Invalidität aufgrund deformierter Gelenke oder zu einer Einschränkung der Lebensdauer."

Beim Fibromyalgiesyndrom (FMS)  gibt es keine eindeutig definierte Ursache: „Das FMS ist wahrscheinlich die ,Endstrecke' verschiedener biologischer, familiärer, psychischer und sozialer Faktoren mit Veränderungen der Schmerzverarbeitung im Gehirn”, stellte Lakomek fest. „Man unterscheidet leichte Verläufe (Schmerzen, aber nur geringe Beeinträchtigung im Alltag) und schwere Verläufe (Schmerzen, Erschöpfung, Herzrasen, Angststörung, Depression sowie starke Beeinträchtigung in Familie und Beruf), die unterschiedlich therapiert werden.“

Für die Diagnose werden zunächst die Schmerzen an den Muskel-Sehnen-Ansätzen erfasst, Laboruntersuchungen und Fragen zu Stressoren und psychischer Verfassung komplettieren die Diagnostik. Röntgenuntersuchungen oder Sonografien dienen dem Ausschluss anderer Erkrankungen wie Rheuma, Muskel-oder Hormonerkrankungen. „Der Patient gilt als Co-Therapeut, er hat eine aktive Rolle, er ist informiert, bespricht die Therapieentscheidungen mit seinem Arzt. Dabei sollten wissenschaftlich abgesicherte Therapien mit den Vorlieben des Betroffenen in Einklang stehen“, erklärte Lakomek.

Multimodaler Ansatz hat sich bewährt

Besonders bei schwerem FMS-Verlauf ist eine multimodale Therapie notwendig. Diese beginnt mit der Schulung des Patienten im Selbstmanagement hinsichtlich seines Lebensstils. Hinzu kommen körperbezogene Therapien wie Ausdauertraining (u.a. Walking, Schwimmen, Radfahren) und Funktionstraining (Trocken- oder Wassergymnastik), die Schmerzen und Müdigkeit reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Meditative Bewegungstherapien (ThaiChi, QiGong, Yoga) runden das multimodale Paket ab.

Psychologische Verfahren, so Lakomek weiter, sind auch bei Nicht-Vorliegen seelischer Störungen eine gute Unterstützung. So kann eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Schmerztherapie ungünstig wirkende negative Gefühle des Patienten aufdecken und durch positive ersetzen. „Patienten erlernen dabei angemessenes Verhalten wie Kräfteeinteilung, aktives Verhalten, regelmäßige Pausen. Das bessert die Stimmungslage.“ Hypnose und geleitete Imagination reduzierten die Schmerzen. Als physikalische Maßnahmen nannte Lakomek Ganzkörperwärmetherapie (Thermalbäder), wohingegen Fango, Infrarottherapie oder Lymphdrainage seiner Erfahrung nach keine signifikante Wirkung zeigten und Kältetherapie die Beschwerden sogar verschlimmere.

Eine stationär durchgeführte multimodale Therapie hält Lakomek dann für sinnvoll, wenn die FMS-Beschwerden die Teilhabe am Beruf und / oder gesellschaftlichen Leben gefährden. „Stationär werden viele der genannten Therapien kombiniert und in hoher Intensität durchgeführt.“

Wann sind Medikamente indiziert?

Bei Angespanntheit und Nervosität komme Amitryptilin niedrig dosiert infrage - auch bei Nichtvorliegen einer Depression. Es  wirke schmerzlindernd und reduziere Schlafstörungen. Liege eine depressive Störung vor, biete sich Duloxitin an, als Alternative zu Amitryptilin komme Pregabalin infrage. Liegt eine Angststörung vor, sei Fluoxetin angezeigt.

Von der Gabe von starken Beruhigungs- und Schlafmitteln riet der Experte hingegen ab. Entzündungshemmende Schmerzmittel wirkten nach Erfahrungen von Lakomek bei FMS nicht. Das gelte auch für Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und Metamizol sowie Opioide, Muskelrelaxantien und lokale Injektionen mit Betäubungsmitteln oder Entzündungshemmern. Wirkungslos sind seiner Meinung nach Cannabis, hyperbare Sauerstofftherapie, Magnetfeldtherapie, Reiki und Nahrungsergänzungsmittel.

Referenzen

Referenzen

  1. Pressekonferenz zum 40. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V., 19. - 22. September 2012, Bochum
    http://www.dgrh-kongress.de

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Prof. Dr. med. Heinz-Jürgen Lakomek
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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