Stürze bei Senioren gezielt verhindern

Ute Eppinger | 19. September 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Es gibt jetzt klare Belege dafür, dass gezielte Interventionen Stürze von Menschen, die über 65 Jahre alt sind und noch zu Hause leben, verhindern können. Der neue Cochrane-Review der Cochrane Library vom 12. Septemberist die Aktualisierung eines früheren Berichts aus dem Jahr 2009 und enthält zusätzlich Daten von 51 weiteren Untersuchungen.

Wenn Menschen älter werden, steigt die Gefahr von Stürzen. Die Gründe sind vielfältig und schließen Probleme mit dem Gleichgewicht, der Sehfähigkeit  und Demenz ein. Rund 30 % aller Menschen über 65 Jahre, die nicht betreut wohnen, stürzen jedes Jahr. Ein Sturz unter 5  benötigt medizinische Betreuung, einer unter 10 endet mit einer Oberschenkelhals- bzw. Hüftfraktur.

Allein in Deutschland kommt es pro Jahr zu 250.000 sturzbedingten Krankenhauseinweisungen von älteren Menschen (> 65 Jahre), 120.000 davon wegen Oberschenkelhalsfrakturen, erklärt PD Dr. med. Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und Sprecher der Bundesinitiative Sturzprävention, gegenüber Medscape Deutschland. 50 % der Sturzopfer haben vor ihrem Sturz selbstständig ihren Haushalt geführt.

Balance- und Kraft-Training sind wichtig

Für den Cochrane-Review hat ein Team von 7 Forschern aus Neuseeland, England und Australien die Ergebnisse von 159 Studien mit 79.193 Teilnehmern analysiert. In den meisten Untersuchungen wurden Menschen aus Sturzvermeidungs-Programmen mit solchen verglichen, die an keinem solchen Programm teilnahmen oder die an Programmen teilgenommen hatten, von denen man keinen positiven Effekt auf die Sturzprävention erwarten konnte.

„Übungen, die sich aus vielfältigen Elementen zusammensetzen, entweder in Gruppen oder alleine zu Hause, wenn es sich um Patienten handelt, die nicht mehr das Haus verlassen können, senken die Sturzrate signifikant und verringern so die individuelle Gefahr zu stürzen“, sagte Hauptautor Lesley Gillespie vom Department of Medicine der Dunedin School of Medicine an der University of Otago, Neuseeland.

Für ältere Menschen, deren Gehfähigkeit nachlässt und deren Sturzgefährdung zunimmt, empfehlen die Autoren des Review ein spezielles Balance- und Krafttraining für die Beinmuskelgruppen „Entscheidend ist, dass die Balance gefördert wird, dass zweimal die Woche trainiert wird und das Trainingsprogramm mindestens 3 Monate dauert“, erläutert Becker. Mit einem solchen Programm lässt sich das Sturzrisiko älterer gesunder Menschen um 30 % bis 40 % senken. Mit wahllosen Sportprogrammen nach dem Gießkannenprinzip einmal die Woche ist es also nicht getan. Diese fallen unter Programme, von denen man keinen positiven Effekt auf die Sturzprävention erwarten konnte.

Katarakt-Operation als Sturzprophylaxe

Sicherheitsmaßnahmen und Verhaltensänderungen reduzierten das Sturzrisiko ebenso, und diese waren besonders wirksam bei Menschen mit Einschränkungen ihres Sehvermögens und dann, wenn diese Maßnahmen von einem beruflich qualifizierten Therapeuten begleitet wurden. Auch einige Formen chirurgischer Eingriffe reduzierten Stürze. Menschen mit Karotis-Sinus-Syndrom etwa, denen man Schrittmacher einsetzte, stürzten seltener als solche ohne Schrittmacher, und Frauen nach einer Katarakt-Operation auf einem Auge stürzten seltener, ein Effekt, der allerdings durch eine Operation am zweiten Auge nicht mehr verstärkt wurde.

Die schrittweise Reduzierung von Psychopharmaka verringerte ebenfalls das Sturzrisiko, genauso wie Programme, in denen Allgemeinmediziner ein besonderes Augenmerk auf eine individuell angepasste Medikation ihrer Patienten legten. „Die Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln erhöht das Sturzrisiko um bis zu 50 %“, erklärt Becker.

Auch das Tragen von Schuhen mit Antirutsch-Sohlen hat sich als hilfreich erwiesen. Einige Maßnahmen haben jedoch gegenteilige Effekte, fanden die Cochrane-Forscher heraus. Ältere Menschen haben ein höheres Risiko zu stürzen, während sie sich an neue Brillen oder größere Medikationsumstellungen gewöhnen mussten. „Multifokale Brillen können auf unbekanntem Gelände das Sturzrisiko vergrößern, denn bei Aktivitäten außer Haus muss man praktisch immer nach unten schauen, um scharf zu sehen. In bekannter Umgebung oder zuhause macht das weniger aus“, erklärt Becker. Das Sturzrisiko sank entsprechend, wenn Menschen multifokale Brillen durch Gläser mit nur einem Fokus ersetzten.

Tai Chi lässt Parkinsonkranke seltener fallen

Vitamin D-Zugabe hatte bei gesunden Probanden keinen positiven Effekt, wenn man alle Teilnehmer zu einer Gruppe zusammenfasste. Es gab allerdings Hinweise, dass Vitamin D-Substitution sinnvoll war, wenn ein Vitamin D-Mangel vorlag.

Die Forscher fanden keine Hinweise darauf, dass bewusste Verhaltensumstellungen Stürze verhinderten oder dass individuelle Aufklärung über Sturzgefahren das Sturz-Risiko im Alter senkte. „Nur Aufklärung und Ratschläge ändern wenig, die Maßnahmen müssen handlungsorientiert und individuell zugeschnitten sein“, erklärt Becker.

Nach Ansicht der Autoren gibt es somit klare, evidenzbasierte Hinweise dafür, dass eine Anzahl verschiedener Maßnahmen älteren Menschen dabei helfen kann, Stürze zu vermeiden. Allerdings trifft dies nicht auf Menschen mit Demenz zu, da die meisten Studien diese Gruppe ausschlossen. „Zu Demenz liegen leider noch keine überzeugenden Studien vor“, bestätigt Becker. Für Parkinson-Patienten mit leichterem Erkrankungsstatus habe sich Tai Chi ideal zur Sturzprävention bewährt, für Patienten mit leichter Gebrechlichkeit komme das Otago-Programm, das auf Kraft- und Balancetraining basiert, infrage.

Sturzprophylaxe spart auch noch Geld

Drei Studien zeigten, dass Interventionen mehr Geld sparen als sie kosten. Dies wurde in einer Studie nachgewiesen, die sich mit Personen beschäftigte, welche über 80 Jahre alt sind und zu Hause Übungen machen. In einer weiteren, die sich mit Sicherheitsmaßnahmen und -anpassungen zu Hause nach vorhergehendem Sturz beschäftigte – und in einer dritten, die ein (allenfalls ergänzen: mehrdimensionales) Programm mit acht spezifischen Risikofaktoren zum Thema hatte.

In Deutschland leben 14 Millionen ältere und alte Menschen, bezogen auf diesen Wert sei mit 5 bis 6 Millionen Stürzen zu rechnen, so Becker. „Ein Viertel bis ein Drittel dieser Stürze lässt sich durch Vernunft verhindern“, erklärt er.

Sturzprävention ist von enormer Bedeutung“, betont Becker weiter. Die fange schon damit an, dass beispielsweise der Hausarzt oder die Arzthelferin nachfrage, ob man in letzter Zeit langsamer gehe oder gestürzt sei. „Ist die Gehgeschwindigkeit deutlich langsamer als 1 Meter pro Sekunde, liegt eine Sturzgefährdung vor“, so Becker. Als Kommune, die beispielhaft Sturzprophylaxe umsetze, nennt Becker Reutlingen.

Gillespie und Kollegen kommen u dem Schluss, dass die künftige Forschung sich auf ein verbessertes Verständnis und einen besseren Zugang zu effektiven Programmen sowohl bei Ärzten als auch bei Patienten konzentrieren sollte.

Referenzen

Referenzen

  1. Gillespie LD et al. Cochrane Database of Systematic Reviews (online). 12.September 2012;DOI: 10.1002/14651858.CD007146.pub3: http://doi.wiley.com/10.1002/14651858.CD007146.pub3
  2. http://www.schritthalten-reutlingen.de/

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Keine Interessenkonflikte

PD Dr. med. Clemens Becker
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor

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