Kinderkerndokumentation zeigt: Frühere und dadurch bessere Versorgung junger Rheumapatienten

Dr. Franz Jürgen Schell | 14. September 2012

Autoren und Interessenskonflikte

„Mit 10.000 bis 15.000 betroffenen Kindern ist Rheuma keine seltene Krankheit“, sagt Privatdozent Dr. Michael Frosch, Kinderrheumatologe des Universitätsklinikums Münster. Jedes Jahr erkranken 1.200 Kinder bundesweit. Bei kindlichem Rheuma wird der Entzündungsprozess plötzlich durch einen Auslöser in Gang gesetzt, erklärt der Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugend-Rheumatologie. Solch ein Trigger kann eine Verletzung, eine Infektion oder ähnliches sein. Sowohl bei vielen Kindern als auch bei Erwachsenen strömen Abwehrzellen in die Gelenkhaut ein. „Normalerweise reguliert sich das Abwehrsystem dann selbst wieder herunter. Warum das bei den Kindern mit Rheuma nicht passiert und sich die Entzündung selbst aufrechterhält, weiß man noch nicht“, so Frosch. Wahrscheinlich wirkt sich hier eine Mischung aus genetischen Einflüssen und Umwelteinflüssen wie Infektionen aus. Auch scheint die Sonnenexposition eine Rolle zu spielen, denn im Norden ist die Krankheit häufiger als im Süden. Die genaue Ursache und der Wirkmechanismus sind – wie bei Erwachsenen – noch unbekannt. Allerdings ist der Verlauf bei Kindern oft noch aggressiver als bei Erwachsenen.

Bei der Behandlung die Entzündungskaskade unterbrechen

Bei einer Oligoarthritis, wenn weniger als 5 Gelenke betroffen sind, gibt man Antiphlogistika wie Ibuprofen oder Naproxen. Auch kann lokal Cortison in die betroffenen Gelenke gespritzt werden, erklärt Frosch. Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, viele Gelenke betroffen sind oder es sich um eine systemische Verlaufsform handelt (Morbus Still), bei der der ganze Körper beteiligt ist, werden Methotrexat (MTX) oder Biologicals eingesetzt. TNS-Blocker unterbrechen die Entzündungskaskade und ermöglichen, dass sich auch Durchblutung und Ernährung der Gelenke normalisieren. Bei der systemischen Verlaufsform kommen auch Interleukin-1- und Interleukin-6-Blocker zur Anwendung.

Gefährliche Regenbogenhautentzündung

„Manchmal manifestiert sich eine systemische Verlaufsform auch zunächst mit einer Uveitis“, erklärt Dr. Kirsten Minden, Funktionsoberärztin an der Charité in Berlin, wo sie die Kinderrheumaambulanz leitet. Ein augenärztliches Konsil empfiehlt sie grundsätzlich bei Kindern mit Rheuma, da bis zu 20 % der Kinder eine Regenbogenhautentzündung entwickeln und diese sogar zur Erblindung führen kann. Minden leitet die Kinderkerndokumentation, die im Jahr 2000 als Ableger einer Datenbank für rheumatische Erkrankungen bei Erwachsenen entstand. Nahmen anfänglich 17 Zentren teil, ist die Zahl inzwischen auf 70 angestiegen, sodass heute fast alle Zentren teilnehmen. „Die Datenbank ermöglicht einen nationalen Vergleich, sie dient so der Qualitätssicherung und ein Benchmarking der beteiligten Zentren“, sagt Minden. Wenn die Gesellschaft für Kinder- und Jugend-Rheumatologie im Rahmen des Rheumakongresses vom 19. bis 22. September in Bochum Behandlungsstrategien diskutiert, können die Mitglieder auf diese Daten zurückgreifen. Es ist ein deutlicher Fortschritt, dass Kinder heute bereits nach durchschnittlich 3 Monaten vom Spezialisten behandelt werden. Im Jahr 2000 dauerte es noch 9 Monate, betont Minden. Je früher die Behandlung einsetzt, desto erfolgversprechender ist sie.

Bisher liegen Daten bis zum 30. Lebensjahr vor. Bei jedem 2. Patienten kommt die Krankheit bis zum Erwachsenenalter zum Stillstand. Von Heilung möchten die Kinderrheumatologen aber lieber nicht sprechen.

Im Zweifelsfall Kinder beim Rheumatologen vorstellen

Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr. Hauptsymptome sind Schwellungen, die länger als 6 Wochen anhalten und oft auch eine Schonhaltung, zum Beispiel eine Beugung des Kniegelenks. Das Bewegungsmuster ändert sich, die Kinder wollen wieder getragen werden oder sie humpeln. Anders als bei Erwachsenen stehen Schmerzen weniger im Vordergrund. Nur bei älteren Kindern können auch Fersenschmerzen auftreten. Im Zweifelsfall empfehlen Frosch und Minden eine Vorstellung beim Rheumatologen.

Referenzen

Referenzen

    40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). 19. bis 22. September 2012, Bochum

    Kinderkerndokumentation:
    http://dgrh.de/kerndoku-kinder.html

Autoren und Interessenskonflikte

Dr. Franz Jürgen Schell
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