Akupunktur wirksam bei chronischen Schmerzen

Anja Laabs | 17. September 2012

Autoren und Interessenskonflikte

„Solch eine Studie zum Thema Akupunktur ist bislang noch nicht dagewesen. Sie ist sowohl in Bezug auf das Studiendesign, als auch auf den Datenumfang einmalig“, erklärt PD Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der Interdisziplinären Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie des Klinikums der Universität München, gegenüber  Medscape. Er ist 2. Vorsitzender und Leiter des Fortbildungszentrums der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. (DÄGfA) und gleichzeitig einer der Autoren der vorliegenden Studie. Obwohl die Effekte zwischen der echten Akupunktur und der Scheinakupunktur kaum ins Gewicht fielen, sei doch klar, so Irnich, dass Akupunktur wirksam ist.

Rohdaten lieferten genauere Infos

Anders als bisher wurden in der vorliegenden, individualisierten Patientendaten-Metaanalyse keine zusammengefassten Daten oder Ergebnisse aus Veröffentlichungen als Berechnungsgrundlage verwendet, sondern die Rohdaten von 17.922 Patienten aus 29 Studien. Gegenstand der Untersuchung war die analgetische Wirkung der Akupunktur bei chronischen Schmerzen.

Ausgewählt wurden Patienten, die über einen Zeitraum von 4 Wochen oder länger mindestens unter einer der vier unspezifischen Schmerzen wie chronische Rücken- und Nackenschmerzen, Arthroseschmerzen, chronische Kopfschmerzen und Schulterschmerzen litten. Dabei gingen Studien aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Schweden in die Analyse ein.

Die Patienten waren in den Originalstudien nach dem Zufallsprinzip in 2 oder 3 verschiedene Gruppen aufgeteilt worden, die dann miteinander verglichen wurden. Ein Teil der Patienten erhielt echte Akupunktur, ein weiterer Teil eine Scheinakupunktur oder eine andere Form der üblichen Schmerztherapie. Eine Scheinakupunktur funktioniert so, dass die Nadeln entweder nicht an die Akupunkturpunkte gesetzt werden, oder dass die Haut nicht durchstochen wird.

„Der Unterschied zwischen Akupunktur und Scheinakupunktur“ so Prof. Dr. med. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München und Co-Autor der Studie, „ist zwar statistisch signifikant, klinisch jedoch nicht relevant.“ Nichtsdestotrotz zeigten die Daten, so Linde, dass Akupunktur durchaus wirke.
Als Parameter für die Bestimmung der Wirksamkeit wurde hier die Standardabweichung (SD) festgelegt. Sie gibt Auskunft darüber, wie groß der Unterschied zwischen den Gruppen im Verhältnis zur Streuung der untersuchten Merkmale ist.

Unspezifische Effekte zeigen Wirkung

Gegenüber der Scheinakupunktur linderte die Akupunktur chronische Rücken- oder Nackenschmerzen um 0,23 SD, chronische Kopfschmerzen um 0,15 SD und Arthroseschmerzen um 0,16 SD. Insgesamt bewegt sich der Unterschied zwischen Akupunktur und Scheinakupunktur also im Bereich von 0,15 SD und 0,23 SD.

Die vorliegenden Ergebnisse seien vor allem deswegen schwierig zu deuten, erläuterte Linde, weil einerseits die Wirkungsweise der Akupunktur noch immer im Dunkeln liegt und weil sich andererseits gezeigt hat, dass auch die Scheinakupunktur wirksam ist. Die Studiendaten würden ihm jedoch zeigen, dass der Gesamteffekt der Akupunktur teilweise auf die Punktspezifität, die Wirksamkeit an spezifischen Akupunkturpunkten, zurückzuführen ist. „Das traditionelle Erklärungsmodell der Akupunktur ist aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht plausibel.“ erläutert Linde. „Aber als komplementäre Methode im Köcher der Schmerztherapie ist sie wirksam – nicht mehr und nicht weniger.“

Die Wirkung von Sein und Schein spiegelt sich auch im Praxisalltag von Irnich wider. „Die Zuordnung von Emotionen auf körperliche Funktionen ist sehr wichtig. Nach dieser Studie berücksichtige ich das noch mehr als früher“, gibt Irnich zu. Zwar seien in mehr als 600 Studien die physiologischen Effekte der Akupunktur untersucht worden, inwieweit sie jedoch psychologische Ursachen haben, ist nicht geklärt. „Die Akupunktur“, so Irnich, „ist ein komplexer Prozess, in dem es durch das Ritual des Nadelstechens, das gesamte Vorspiel der Anamnese und Entspannung und schließlich durch die Fokussierung auf schmerzentfernte Punkte, zu Veränderungen in der Schmerzwahrnehmung kommt.“

Forschungsbedarf bleibt bestehen

Sowohl in Tierversuchen als auch in klinischen Studien an Patienten konnte gezeigt werden, dass sich die Wirksamkeit der Akupunktur in drei Bereichen abspielt. Durch das Setzen der Nadeln wird in der Peripherie ein Schmerzreiz erzeugt, der an das Rückenmark und an das zentrale Nervensystem weitergeleitet wird. Die Wirkung über das Rückenmark erklärt sich durch eine Aktivierung des Schmerzhemmungssystems, das bei Schmerzpatienten häufig versagt. Zentralnervös bewirkt die Akupunktur unter anderem die Ausschüttung von Hormonen wie Endorphinen und Kortison, die systemisch analgetisch wirken. Irnich: „Insofern gibt es zwar eindeutig Hinweise auf biologische Wirkungsmechanismen, es bedarf jedoch noch einiger Forschungsarbeit, um nachzuweisen, inwiefern diese mit Settingeffekten wie dem Arzt-Patient-Verhältnis zusammenhängen.“

Doch hier gebe es Grenzen, so Linde. So seien Blindstudien seiner Ansicht nach nicht immer möglich, und placebokontrollierte Studien hätten den faden Beigeschmack, dass Vergleiche mit „nicht praxisrelevanten Behandlungsoptionen“ angestellt würden. Hilfreich, so Linde, seien deshalb Studien, in denen Akupunktur mit realistischen Behandlungsoptionen unter Praxisbedingungen verglichen wird. Das würde, so Linde, dem Anspruch einer evidenzbasierten Medizin entsprechen, die am Ende Aufschluss über Wirksamkeit, Indikationsgebiet, Risikofaktoren und sogar über die ökonomischen Effekte gibt.

„Letztlich kann man bei einer solchen empirischen Untersuchung nicht viel falsch machen“, betont Irnich. Die unerwünschten Nebenwirkungen seien in unzähligen Studien sehr gut untersucht worden. Mit 7 % seien die Nebenwirkungen nach seiner Auffassung durchaus gering. Insbesondere auch deshalb, weil davon mehr als die Hälfte auf das Konto von Schmerzen durch den Nadelstich selbst kämen. Infektionen und vagale Dysregulationen kämen kaum noch vor, weil die meisten Anwender Einwegnadeln benutzten und die Akupunktur im Liegen vornähmen. In gerade 1 von 200.000 - 400.000 Fällen würde es durch falsche Nadeltechnik zu einem Pneumothorax kommen. Irnich: „Seit 1000 Jahren wird an ganz bestimmte Stellen gestochen. Eine längere empirische Studie ist mir nicht bekannt.“ Damit gäbe es nach seiner Einschätzung zumindest die Sicherheit, dass die Akupunktur keine Schäden anrichte. „Schön wäre es nun, wenn wir die punktspezifischen physiologischen und die unspezifischen psychologischen Effekte auch noch verstehen, und auf dieser Grundlage eine medizinisch wirksame und ökonomisch sinnvolle Therapie etablieren.“

Referenzen

Referenzen

  1. Avins AL. Arch Intern Med (online). 10. September;  doi:10.1001/archinternmed.2012.4198
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed?term=Needling%20the%20Status%20Quo%20Comment%20on%20%E2%80%9CAcupuncture%20for%20Chronic%20Pain%E2%80%9D
  2. Vickers AJ, et al. Arch Intern Med (online). 10. September 2012.
    doi:10.1001/archinternmed.2012.3654
    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22965186

Autoren und Interessenskonflikte

Anja Laabs
Keine Interessenkonflikte

Irnich, Dominik Ferdinand PD Dr.med. Keine Interessenkonflikte / Gemeinnütziges Mitglied und Leiter des Fortbildungszentrums für Akupunktur der DÄGfA / Leitet Kurse mit Aufwandsentschädigung

Prof. Dr. med. Klaus Linde
Keine Interessenkonflikte

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