Kampf gegen Sepsis: Ein Wettlauf mit der Zeit

Ute Eppinger | 17. September 2012

Autoren und Interessenskonflikte

 

Prof. Dr. Gernot Marx
 

Berlin – Was haben der Papst, Jonny Depps Tochter Lilly Rose, Ignaz Semmelweis und Rudolf Augstein gemeinsam? Sie alle hatten schon eine Sepsis, erklärte Prof. Dr. Gernot Marx,
Direktor der Klinik für operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Aachen beim Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), der vom 13. bis 15. September in Berlin stattfand.

Die Behandlung der Sepsis ist eine große Herausforderung der Anästhesiologie. Bei der sogenannten Blutvergiftung handelt es sich um eine außer Kontrolle geratene Infektion, die meist durch Bakterien, manchmal auch durch Pilze oder Viren verursacht wird. Mögliche Eintrittspforten sind verschmutzte Wunden oder eingedrungene Fremdkörper. Oft liegt der Infektionsherd aber innerhalb des Körpers, etwa ein Harnwegsinfekt oder ein entzündeter Zahn.

Bei jeder Sepsis droht ein septischer Schock

Wie Marx erklärt, besteht nach einer schweren Operation, durch eine zugrundeliegende Erkrankung wie Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Krebs oder aufgrund des Alters eine erhöhte Gefahr, dass sich die lokale Infektion auf den ganzen Körper ausbreitet. Wenn die Bakterien in die Blutbahn gelangen, werden nach und nach Herz, Lunge, Leber und Nieren geschädigt. Sobald der Körper erkennt, dass sich die Bakterien überall verbreitet haben, geht er zum totalen Gegenangriff über. Eine Kettenreaktion setzt ein. Eine enorme Anzahl von Killerzellen und Botenstoffen versucht, den Krankheitserreger im ganzen Körper zu beseitigen. Das hat katastrophale Nebenwirkungen: Diese Botenstoffe durchlöchern regelrecht die Blutgefäße, das Blut sackt förmlich weg, das Herz schlägt wie verrückt, Sauerstoff wird knapp – der Kreislauf bricht zusammen. Man spricht dann von einem septischen Schock. Jede Sepsis, so Marx, kann innerhalb kurzer Zeit in einen septischen Schock übergehen.

Sepsis ist häufig. Jeder 10. Intensivpatient, das konnten Christoph Engel und Kollegen in der Pävalenzstudie 2007 [1] zeigen, hat eine schwere Sepsis bzw. einen septischen Schock. Sepsis, so Marx, ist in Deutschland – nach Herz-, Kreislauf- und Krebserkrankungen – die dritthäufigste Todesursache. Jedes Jahr erkranken daran 150.000 Menschen, rund 60.000 sterben daran. Eine Sepsis kann innerhalb weniger Tage zum Tode führen, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und therapiert wird. Die direkten Behandlungskosten für Sepsis in Deutschland pro Jahr liegen bei 1,7 Milliarden Euro, das sind ca. 32 % der Gesamtkosten für die Intensivtherapie.

Da die Anästhesiologen in Deutschland die meisten Intensivpatienten versorgen, behandeln sie auch meist die schwerstkranken Sepsis-Patienten. „Der Zeitpunkt der Diagnose ist entscheidend. Um die maximale Überlebenschance zu sichern, haben Ärzte bei einem Patienten mit septischem Schock maximal 1 Stunde Zeit, um ihm das richtige Antibiotikum zu geben und 6 Stunden, um seinen Kreislauf zu stabilisieren“, beschreibt Professor Marx den Wettlauf mit der Zeit. Oft muss der Patient noch künstlich beatmet werden. „Da die Symptome einer Sepsis zunächst nicht eindeutig sind, ist die Diagnose schwierig“, erklärt Marx. Denn erhöhte Körpertemperatur, manchmal in Verbindung mit Schüttelfrost, beschleunigte Atmung oder erhöhter Pulsschlag können ganz verschiedene Ursachen haben. Auch rötlich-bläuliche Streifen auf der Haut und Verwirrtheit müssen nicht unbedingt auf eine Sepsis hindeuten. Für die Behandlung gelte: Je früher man die Krankheit aggressiv therapiere, desto größer sei die Überlebenschance.

Sepsis wird weiter zunehmen, weil es immer mehr Risikopatienten gibt, warnt Marx. Etwa Patienten nach schweren Unfällen oder Transplantationen. Auch die Zahl alter Patienten nimmt zu, die oftmals durch eine Vorerkrankung ein geschwächtes Immunsystem haben und daher anfälliger für eine Infektionskrankheit sind.

Den Kampf gegen die Sepsis haben die Anästhesiologen seit Jahren aufgenommen. „Ein wichtiger Ansatz ist eine standardisierte Therapie und kontinuierliche Qualitätssicherung“, erklärt Marx. Standards in der Therapie senken die Sepsis-Sterblichkeit. Der wissenschaftliche Arbeitskreis Intensivmedizin der DGAI hat Qualitätsindikatoren für die Intensivmedizin entwickelt, um das Überleben von Patienten auf Intensivstationen – besonders der Patienten mit Sepsis – im Rahmen von Peer-Review-Verfahren zu verbessern. Den von den Anästhesiologen initiierten intensivmedizinischen Netzwerken haben sich mittlerweile 5 Bundesländer angeschlossen. Vier weitere sind in Planung.

Referenzen

Referenzen

  1. Engel C, et al. Intensive Care Med, 2007; 33:606-618 DOI 10.1007/s00134-006-0517-7
  2. HAI 2012 (Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI)), 13.-15. September 2012, Berlin

Autoren und Interessenskonflikte

Ute Eppinger
Keine Interessenkonflikte

Prof. Dr. Gernot Marx
Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.