Multiple Sklerose: Interferon bleibt zentrale Säule der Therapie

Roland Dreyer | 15. August 2012

Autoren und Interessenskonflikte

Interferonpräparate reduzieren die für die Multiple Sklerose (MS) typische Entzündungsaktivität im zentralen Nervensystem - daran zweifelt niemand. Der Einfluss auf das Fortschreiten der Behinderung der Patienten ist bislang nicht überzeugend positiv oder negativ belegt: Hilft Interferon dabei, seltener oder später auf Gehhilfen oder den Rollstuhl angewiesen zu sein? Kanadische Wissenschaftler werteten Material aus Patientendatenbanken aus, um dieser Frage nachzugehen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Interferontherapie das Voranschreiten einer Behinderung nicht bremse.

Diese Nachricht hat viele Patienten verunsichert, doch bei genauerem Hinsehen weist die Studie starke methodische Schwächen auf: „Aus Sicht des Kompetenznetzes MS, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und des Ärztlichen Beirats der Deutschen MS Gesellschaft ergibt sich aus dieser Arbeit aktuell kein Anlass, die gegenwärtige Behandlungs- und Empfehlungspraxis mit Interferonpräparaten zu ändern“, sagt Prof. Dr. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Entzündliche Erkrankungen des Nervensystems und Neuroonkologie an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster. „Wir appellieren daher an alle MS-Patienten, ihre Interferon-Behandlung nicht abzubrechen“, so der Neurologe. Auch für die im Frühjahr erschienene MS-Leitlinie ergäbe sich aus dieser Studie kein Änderungsbedarf.

Jeder MS-Patient hat seine Besonderheiten

Die kanadischen Wissenschaftler teilten 2.556 Patienten in drei Gruppen ein. In der einen Gruppe wurden die Patienten mit verschiedenen Interferonpräparaten behandelt, in einer anderen blieben sie unbehandelt. Die dritte „historische“ Vergleichsgruppe umfasste Patienten aus der Zeit vor Einführung des Medikaments. Die Nachbeobachtungszeit betrug in etwa 5 Jahre. Die retrospektive Auswertung der Daten stellt die methodische Schwäche dar: „Schwierig ist der Vergleich mit einer Patientengruppe, die möglicherweise einen niedrigeren Entzündungs- und Behinderungsgrad aufweist. Auch der Vergleich mit der unbehandelten Kontrollgruppe ist unpräzise, da unter diesen einige Patienten sein könnten, die sich gar nicht für eine Therapie mit Interferonen eignen.“ In der Wissenschaft wird dann von einem sogenannten Selektionsbias gesprochen, weil die Vorauswahl der Patienten die Ergebnisse der Studie verzerrt.

Die Autoren versuchten zwar, diesen Verzerrungseffekt zu begrenzen, indem Kontrollwerte wie Geschlecht, Alter, Krankheitsdauer und Behinderungsgrad in die Berechnung eingeflossen sind. „Trotzdem lässt sich aus dem Studiendesign bei mangelnden Beweisen für einen positiven Therapie-Effekt nicht im Umkehrschluss wissenschaftlich das Gegenteil ableiten“, meint Professor Wiendl. Zudem sei fraglich, ob die relativ kurze Nachbeobachtungszeit ausreichte, um den langfristigen Effekt des Medikaments zu beurteilen.

Auch Professor Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie äußert Kritik: „Es ist wissenschaftlich fragwürdig, wenn Daten aus Beobachtungsstudien mit Daten aus großen und ordnungsgemäß durchgeführten randomisierten Placebo-kontrollierten Studien verglichen werden. Nicht-randomisierte Beobachtungen sind nur dann zulässig, wenn es keine Erkenntnisse aus randomisierten Studien gibt.“ Zudem hätten Langzeitstudien die Wirksamkeit von beta-Interferon eindeutig nachgewiesen, so Professor Diener.

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) ist eines von bundesweit 21 Kompetenznetzen in der Medizin, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Sie alle verfolgen das Ziel, Forscher zu spezifischen Krankheitsbildern bundesweit und interdisziplinär zusammenzubringen, um den Austausch zwischen Forschung und Patientenversorgung zu verbessern. Aktuell gehören dem KKNMS drei Forschungsverbünde an: CONTROLMS, UNDERSTANDMS und CHILDRENMS. Die Geschäftsstelle ist am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München angesiedelt.

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Referenzen

Referenzen

    Shirani A et al.: Association Between Use of Interferon Beta and Progression of Disability in Patients With Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis. JAMA, 2012;308:247-256

Autoren und Interessenskonflikte

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