Telematik-Infrastruktur: Gesundheitsministerium verschiebt Starttermin auf Ende 2018

aktualisiert

Christina Sartori

Interessenkonflikte

28. Juli 2017

Der vom Gesetzgeber vorgeschriebene Stichtag für die Anbindung von Ärzten und Psychotherapeuten an die Telematik-Infrastruktur wird um ein halbes Jahr auf den 31. Dezember 2018 verschoben. Das bestätigt das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage von Medscape. Eine entsprechende Verordnung werde derzeit erarbeitet.

Damit verschiebt sich entsprechend auch der Rollout für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und der Start des Versichertenstammdatenmanagements. Grund für die Terminverschiebung sind Verzögerungen bei der Bereitstellung der für die Anbindung nötigen Konnektoren durch die Hersteller (siehe Artikel).


Anfang Juni erteilten die Gesellschafter der gematik die Freigabe für den Online-Produktivbetrieb der elektronischen Gesundheitskarte [1]. „Jetzt muss die Industrie ihre Produkte zur Zulassung einreichen“, teilt Alexander Beyer, Geschäftsführer der gematik, mit. „Auf Basis der technischen Vorgaben der gematik können nun Produkte für den Massenbetrieb gefertigt werden“, erklärt Beyer im Gespräch mit Medscape. „Nach der derzeitigen Planung der Industrie gehen wir davon aus, dass wir die ersten Geräte im Herbst zulassen werden.“

Alexander Beyer

Das ist reichlich spät. Denn schon ab dem 1. Juli 2018 sollen alle Arzt- und Zahnarztpraxen und Krankenhäuser die elektronische Gesundheitskarte auf ihre Gültigkeit prüfen und gegebenenfalls aktualisieren können. Deswegen haben die Gesellschafter der gematik – Spitzenverbände der Ärzte und Zahnärzte, Krankenkassen, Krankenhäuser und Apotheker – gleichzeitig mit der Freigabe in einem Beschluss festgestellt, dass der vom Gesetzgeber vorgeschriebene Stichtag nicht einzuhalten sei. „Die verbleibende Zeit von einem Jahr wird für den flächendeckenden Rollout nicht ausreichen“, betont der GKV-Spitzenverband gegenüber Medscape. Die Gesellschafter der gematik hoffen nun auf Verlängerung.

Bleibt der Stichtag, drohen Ärzten finanzielle Konsequenzen

Für Ärzte könnte die Verschiebung des Stichtags finanzielle Einbußen bedeuten. „Denn nach dem E-Health-Gesetz wird Ärzten, deren Praxen bis zum 1.7.2018 nicht per Konnektor und Lesegerät an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sind, das Honorar um 1 Prozent gekürzt“, erläutert Volkswirt Norbert Butz, Leiter des Dezernats Telemedizin und Telematik der Bundesärztekammer im Gespräch mit Medscape. Das wäre nicht gerecht, findet auch Beyer: „Ich halte es für sinnvoll, dass man den Ärzten ausreichend Zeit gibt, um ihre Praxen mit den Produkten auszustatten und diese anzuschließen.“

Norbert Butz

„Es ist praktisch gar nicht möglich, dass alle Praxen bis zum 1.7.2018 angeschlossen sind, wenn erst ab dem Herbst die ersten Geräte gekauft werden können“, sagt Butz. „Die Erprobung hat gezeigt, dass das Anschließen an die telematische Infrastruktur zwischen 3 bis 7 Stunden dauert, je nachdem, ob es sich um eine Einzelpraxis oder ein Versorgungszentrum mit mehreren Ärzten und Arzthelferinnen handelt.“ Bei 150.000 bis 200.000 Arzt- und Zahnarztpraxen in Deutschland sei das in 9 oder 10 Monaten einfach nicht zu schaffen, rechnet Butz vor.

 
Nach dem E-Health-Gesetz wird Ärzten, deren Praxen bis zum 1. Juli 2018 nicht … an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sind, das Honorar um 1 Prozent gekürzt. Norbert Butz
 

Technische Probleme haben Zeit für den Rollout verkürzt

„Deswegen waren ursprünglich auch 2 Jahre für den Rollout vorgesehen“, erinnert Butz. Anfangs sollte die gematik bis zum 30.6.2016 alle Maßnahmen ergriffen haben, damit Ärzte sich an die Infrastruktur anschließen können. Damit hätten Praxen und Kliniken für Kauf und Anschluss der Geräte insgesamt 2 Jahre zur Verfügung gestanden. 

Wegen technischer Probleme konnte dieser Termin nicht eingehalten werden und wurde um ein Jahr auf den 30.06.2017 verschoben. Dagegen blieb es beim Stichtag des 1.7.2018, ab dem alle Praxen und Kliniken angeschlossen sein müssen – de facto hatte sich so die Zeit für den Rollout also um ein Jahr verkürzt. Dass das nicht ausreicht, war für Experten abzusehen. „Ab dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass die Industrie später mit der Erprobung beginnen wird, war vielen bewusst, dass diese Verschiebung eintreten muss“, bestätigt Beyer.

 
Ich halte es für sinnvoll, dass man den Ärzten ausreichend Zeit gibt, um ihre Praxen mit den Produkten auszustatten und diese anzuschließen. Alexander Beyer
 

Verschiebung des Stichtages ermöglicht Konkurrenz zwischen Konnektoren-Anbietern

Eine Verschiebung des Stichtags wäre noch aus einem anderen Grund wünschenswert: „Im Herbst wird es erst einmal nur einen Anbieter geben, der Konnektoren zur Verfügung stellt“, erwartet Butz. Das könnte die Preise für die Geräte hochtreiben, die für die sichere Verbindung zur telematischen Infrastruktur unverzichtbar sind. „Wir gehen davon aus, dass wir einige Monate später weitere Anbieter haben“, sagt Beyer. Diese Konkurrenz könnte sich aber nur dann positiv auf den Preis auswirken, wenn der Stichtag verschoben wird.

 
Es ist praktisch gar nicht möglich, dass alle Praxen bis zum 1.7.2018 angeschlossen sind, wenn erst ab dem Herbst die ersten Geräte gekauft werden können. Norbert Butz
 

So hoffen die Gesellschafter der gematik nun also darauf, dass das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) einer Verschiebung des Stichtags zustimmt. Als die Gesellschafter der gematik den Beschluss zur Verschiebung fassten, nahmen die anwesenden Vertreter des BMG dies ohne Einwände zur Kenntnis. Plädiert wird für eine Verlängerung der Frist bis Ende 2018.



REFERENZEN:

1. Gematik: Pressemitteilung, 2. Juni 2017

Kommentar

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