Naturheilverfahren: Wieviel Phyto und Co. steckt in internistischen Leitlinien?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

19. Mai 2017

Prof. Dr. Karin Kraft

Mannheim – Naturheilverfahren wie Phyto-, Ernährungs- und Physiotherapie, aber auch Sauna und Sport stehen bei Patienten zumindest als ergänzende Therapiemöglichkeiten für unterschiedlichste Beschwerden hoch im Kurs. Doch in internistische Leitlinien halten diese alternativen Behandlungsmöglichkeiten nur langsam Einzug, so Prof. Dr. Karin Kraft, Leiterin des Lehrstuhls für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock, beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) [1].

„Die wissenschaftliche Basis zu Naturheilverfahren und deren Wirkung wird immer besser – das  rechtfertigt auch deren Nennung in internistischen Leitlinien“, argumentierte Kraft im BDI-Symposium zu Naturheilverfahren in internistischen Leitlinien, das die Arbeitsgemeinschaft „Wertigkeit naturheilkundlicher Verfahren bei Internistischen Erkrankungen“ ausgerichtet hatte.

Phytotherapie auf dem Vormarsch

Meist in den letzten Abschnitten – dafür aber zahlreicher Leitlinien – finden sich heute Hinweise und auch Empfehlungen zur Phytotherapie:

Schwer tue man sich dagegen mit Phytopharmaka bei der Behandlung der unipolaren Depression, obwohl deren Nebenwirkungen im Vergleich zu denen von selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) oder anderen Antidepressiva „beeindruckend gering“ seien, bemerkte Kraft. Trotzdem:

Die wissenschaftliche Basis zu Naturheilverfahren und deren Wirkung wird immer besser – das rechtfertigt auch deren Nennung in internistischen Leitlinien. Prof. Dr. Karin Kraft

Wichtige Indikationsbereiche der Phytotherapie, so Krafts Fazit, umfassen Schmerzen, Infektionen, Funktionsstörungen und Erkrankungen des Urogenitaltraktes, Hirnleistungsstörungen, leichte bis mittelschwere depressive Zustände und funktionelle Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts.

Ein therapeutisches Potenzial, so Kraft, haben pflanzliche Heilmittel auch bei Schlaf- sowie Herz-Kreislaufstörungen, bei Venenerkrankungen und als adjuvante Therapie bei Haut- und Tumorerkrankungen.

Wichtig sei, dass Phytopharmaka, anders als Nahrungsergänzungsmittel, der Kontrolle der Arzneimittelbehörde unterliegen. Sie müssten für ihre Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die gleichen Kriterien erfüllen wie synthetisch hergestellte Medikamente, betonte Kraft.

„Auch die Seele muss heilen“

Auch psychosomatische Behandlungsweisen finden als Teil der Naturheilkunde in den internistischen Leitlinien immer häufiger Erwähnung. Darauf wies Dr. Axel Schüler-Schneider, niedergelassenerInternist aus Frankfurt am Main, in seinem Vortrag hin. Psyche und Soma, erklärte er, stehen in einem engen Informationsaustausch im Limbischen System, über Nerven, Hormone und Transmitter. „Die Leitlinien für die Innere Medizin sind bezüglich der psychosomatischen Aspekte auf einem guten Weg“, meint der Psychoanalytiker und Facharzt für Psychosomatische Medizin.

Epidemiologische Studien haben „hohe Prävalenzraten somatoformer Störungen“ zwischen 4,4 und 20% in der Normalbevölkerung – auch bei Kindern und Jugendlichen –  gezeigt, betonte er.  Ärzte sollten etwa bei der Betreuung chronisch Kranker immer auch die psychologische Symptombelastung im Blick haben. „Man geht davon aus, dass bei jedem fünften Patienten, der aufgrund körperlicher Beschwerden einen Arzt aufsucht, keine eindeutigen organischen Ursachen für seine Beschwerden gefunden werden.“ Gleichzeitig schrumpfe die Zahl der ärztlichen Psychotherapeuten, sprich, der Mediziner mit psychotherapeutischer Qualifikation.

Die Leitlinien für die Innere Medizin sind bezüglich der psychosomatischen Aspekte auf einem guten Weg. Dr. Axel Schüler-Schneider

Fragen nach dem Arbeitsplatz, dem sozialen Umfeld, werden in den Leitlinien empfohlen, um derartigen Beschwerden auf den Grund zu gehen. „Ärzte sollten immer daran denken, die Hintergründe zu erfragen. Denn körperliche Symptome können auch Folge traumatischer Ereignisse sein.“ Wichtig sei eine psychotherapeutische Behandlung, „damit die Ursachen der Symptome verschwinden. Daher richte ich einen Appell an die Mediziner, sich in der ärztlichen Psychotherapie zu engagieren“, sagte Schüler-Schneider in seinem Vortrag zur „Ordnung der Seele“. „Im Gegensatz zur Naturheilkunde sind diese Leistungen abrechenbar“, fügte er an.

Schwitzkur in Leitlinien nicht empfohlen

Ein anderes natürliches Heilverfahren, das Saunieren, wird zwar von den meisten Patienten als angenehm empfunden, findet aber bisher in therapeutischen Leitlinien kaum Beachtung, anders als die Bewegungs- und Physiotherapie. Der als Sauna-Experte bekannte Dr. Rainer Brenke, Internist und Facharzt für Physikalische Medizin aus Berlin, stufte aber auf dem DGIM-Kongress den therapeutischen Stellenwert des kontrollierten und maßvollen Schwitzens bei zahlreichen Beschwerden als hoch ein; etwa bei Gelenkschmerzen, Fibromyalgie oder Herzerkrankungen.

„Bei einer Erwärmung der Körpertemperatur über mehrere Grad wird die Gelenkmuskulatur besser dehnbar“, erklärte er. Das helfe bei Schmerzen, Steifigkeit und Müdigkeit, wie eine Studie von Fredrikus Oosterveld und Kollegen bereits 2009 gezeigt habe, so Brenke. Etabliert sei der Gebrauch von Überwärmungsmaßnahmen daher bei rheumatischen Erkrankungen. In der Leitlinie von 2013 zur Rheumatoiden Arthritis finden sich allerdings zwar Hinweise auf das Saunieren, jedoch keine Empfehlung hierzu.

Ebenso wirkten sich Sauna- und Infrarot-Therapie bei Fibromyalgie-Patienten schmerzlindernd aus. Eine 2017 veröffentlichte japanische Studie von Shuji Matsumoto und Kollegen ergab eine Schmerzreduktion um bis zu 77% – ein Effekt, der auch nach einem halben Jahr noch erhalten blieb, wie Follow-up-Untersuchungen ergaben. „Umfragen zeigen, dass sich Fibromyalgie-Patienten eine Wärmetherapie wünschen – diese wird jedoch in den Leitlinien ausdrücklich nicht empfohlen. Wir sollten die Patienten aber da abholen, wo sie sind, und ihnen auch passive Verfahren anbieten, die sie zumindest am Anfang offensichtlich bevorzugen“, so Brenkes Ansicht.

Mit Sauna den Blutdruck natürlich senken

Positiv wirke Sauna auch für Herzpatienten, dies durch die Weitstellung der Blutgefäße, erklärte Brenke. Trotzdem werde die Überwärmung weder in der S3-Leitlinie zu Reha-Standards bei der KHK noch in der S3-Leilinie zur PAVK oder der nationalen Versorgungsleitlinie zur COPD erwähnt, kritisierte er. Bei Hypertonie, so ergänzte er, lässt sich mit 2 Saunabesuchen pro Woche über einen längeren Zeitraum durch die Reduzierung des peripheren Widerstands langfristig der Blutdruck senken. „So können sogar Medikamente reduziert werden“, betonte der Sauna-Experte.

Die Akzeptanz des Saunabesuchs ist bei den Patienten deutlich besser als andere Lebensstil-Modifikationen. Dr. Rainer Brenke

Dr. Hans-Joachim Winterfeld von der Charité in Berlin berichtete von eigenen Erfahrungen. Er verordnete rund 40 Bluthochdruckpatienten als einzige Maßnahme regelmäßige Saunagänge und stellte fest, dass sich bei 38% von ihnen der Blutdruck nach 2 Jahren normalisiert hatte. Der Gefäßdurchmesser der Patienten hatte sich schon nach 3-wöchiger Saunatherapie um 22% erhöht, nach 3 Jahren um weitere 10%, nach 5 Jahren sogar um im Schnitt 40%.

In einer finnischen Studie von 2015 unter der Leitung von Tanjaniina Laukkanen nahm mit der Zahl der wöchentlichen Saunabesuche sogar das Sterberisiko ab; vor allem das Risiko an kardialen oder kardiovaskulären Ursachen zu sterben, wie Medscape berichtete.

Hyperthermie-Verfahren aus Japan

Noch beeindruckendere Effekte lassen Studien zum Hyperthermie-Verfahren Waon aus Japan vermuten. Ein Besuch dieser 60-Grad-Infrarot-Kabine konnte das Risiko für schwere kardiale Ereignisse bei Herzinsuffizienz-Patienten über 5 Jahre signifikant senken – „ein neuer Therapieansatz“, schwärmte das japanische Studienkollektiv im Jahr 2009, als die ersten Ergebnisse der Waon-Studien veröffentlicht wurden.

Brenke sieht zwar von solch überschwänglichen Lobeshymnen ab, forderte jedoch, das Saunieren als unterstützende Maßnahme stärker zu berücksichtigen, etwa auch für Diabetes-Patienten, bei denen Schwitzkuren ebenfalls positive Effekte gezeigt haben – etwa auf Folgeschäden wie Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen oder Neuropathie. Auch lasse sich so eventuell die  Insulin-Sensitivität erhöhen – analog zum körperlichen Training. „Wir unterschätzen die Möglichkeiten dieser einfachen Überwärmungsmaßnahme“, findet er. „Dabei ist die Akzeptanz des Saunabesuchs bei den Patienten deutlich besser als andere Lebensstil-Modifikationen.“

REFERENZEN:

1. 123. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 29. April bis 2. Mai 2017, Mannheim

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