Magenbypass bei Jugendlichen: Deutlicher Gewichtsverlust, aber häufig Nährstoffdefizite – macht die OP langfristig krank?

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

2. Februar 2017

Extrem adipöse Jugendliche können durch einen bariatrischen Eingriff große Mengen an Übergewicht abbauen und diese Gewichtsreduktion auch langfristig halten. Viele von ihnen entwickeln aber in den Folgejahren Nährstoffdefizite, wie 2 Kohortenstudien aus Schweden und den USA zeigen.

Prof. Dr. Martin Wabitsch

Für Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm, kommen diese Ergebnisse nicht überraschend. Zusammen mit Kollegen hat er 2013 mehr als 300 deutsche Jugendliche und junge Erwachsene nach einer bariatrischen Operation untersucht, und weiß: „Jugendliche, die bariatrisch operiert werden, meinen oft, mit dem Eingriff sei das Problem gelöst. Sie kommen nicht mehr zu den Nachsorgeuntersuchungen, und drei Viertel von ihnen nehmen hinterher nicht regelmäßig die notwendigen Supplemente ein.“

Viel Gewichtsverlust, aber auch viele Nährstoffdefizite

Dr. Thomas H. Inge von der Division of Pediatric Surgery am Cincinnati Children’s Hospital Medical Center, Ohio, und seine Kollegen berichten in Lancet Diabetes & Endocrinology von 58 Jugendlichen, die im Alter von durchschnittlich 17 Jahren einen Magenbypass erhielten [1]. Zu dem Zeitpunkt hatten sie im Schnitt einen Body-Mass-Index (BMI) von 58,5 kg/m2.

Nach einem durchschnittlichen Follow-up-Zeitraum von 8 Jahren hatten die mittlerweile 25 Jahre alten Studienteilnehmer einen BMI von 41,7 kg/m2.

Der Eingriff habe neben der drastischen Gewichtsreduktion signifikante kardiometabolische Benefits gehabt, schreiben die US-Mediziner. Am Ende des Beobachtungszeitraums hatten noch 16% der Studienteilnehmer Bluthochdruck, zu Studienbeginn waren es noch 47% gewesen. Eine Fettstoffwechselstörung hatte anfangs 86% der Jugendlichen gehabt, von den Mittzwanzigern waren es noch 38%. Und auch die Diabetesprävalenz hatte abgenommen – von 16% auf 2%.

Allerdings fanden Inge und seine Kollegen nicht nur Positives: Bei der letzten Nachuntersuchung wiesen 46% der Studienteilnehmer eine leichte Anämie, 45% einen Hyperparathyreoidismus und 16% niedrige Vitamin B12-Werte auf.

Operierte Jugendliche nehmen ab, konservativ behandelte nehmen zu

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Dr. Torsten Olbers von der Abteilung für Magen-Darm-Chirurgie am Sahlgrenska-Universitätsklinikum der Universität Göteborg und seine Kollegen [2]. Sie verglichen 81 adipöse Jugendliche (16,5 Jahre, BMI 45,5 kg/m2), die einen Magenbypass erhalten hatten, mit 80 adipösen Jugendlichen sowie 81 adipösen Erwachsenen, die konservativ behandelt wurden.

 
Wir schaffen durch die Operation eine neue Krankheit, da die jungen Patienten ihre Supplemente nicht nehmen. Prof. Dr. Martin Wabitsch
 

Im Verlauf von 5 Jahren reduzierte sich der BMI in der Gruppe operierter Jugendlicher um 13,1 kg/m2. 9 Jugendliche nahmen allerdings weniger als 10% ab. Bei den jugendlichen Kontrollen stieg der BMI in diesem Zeitraum um 3,3 kg/m2 an, während die erwachsenen Kontrollen fast so viel abnahmen wie die operierten Jugendlichen (-12,3 kg/m2).

Sowohl Begleiterkrankungen als auch kardiovaskuläre Risikofaktoren verbesserten sich bei den operierten Jugendlichen und fielen im Vergleich zu den konservativ behandelten Jugendlichen günstiger aus.

USA: Folgeoperationen und Nährstoffmangel

Des Weiteren berichten Inge und sein Team, dass 25% der in den USA chirurgisch behandelten Jugendlichen in den folgenden 5 Jahren erneut operiert werden mussten, entweder aufgrund von Komplikationen des bariatrischen Eingriffs oder weil sie zu schnell abnahmen. 72% der operierten Jugendlichen wiesen irgendeine Art von Nährstoffdefizit auf.

Auch die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen (z.B. Krankenhausbehandlungen) war bei den operierten Jugendlichen höher als bei den konservativ behandelten. 25% der jugendlichen Kontrollen wurden während der 5-jährigen Nachbeobachtung ebenfalls bariatrisch operiert.

Schweden: Eisen- und Vitamin-D-Mangel trotz Verschreibung von Supplementen

„Den Jugendlichen waren entsprechend den damals herrschenden Standards Nahrungsergänzungsmittel verschrieben worden“, berichten Olbers und seine Kollegen. Dennoch sei nach 5 Jahren eine „besorgniserregende Prävalenz an Eisenmangel (66%), niedrigen Hämoglobinkonzentrationen (32%) und Vitamin-D-Defiziten (30%) zu beobachten gewesen.

 
Wir haben keine Daten, was es für einen 18-Jährigen bedeutet, wenn er 20, 30 oder 40 Jahre mit einem Bypass lebt. Prof. Dr. Martin Wabitsch
 

Die Autoren der schwedischen Studie gehen davon aus, dass eine schlechte Adhärenz gegenüber den verschriebenen Supplementen zu diesen Ergebnissen beigetragen hat

„Was wird in 10 oder 20 Jahren sein?“

„Das sind die Ergebnisse nach 5 bis 8 Jahren“, kommentiert Wabitsch die beiden Berichte. „Was wird in 10 oder 20 Jahren sein? Vitamine haben teilweise im Körper einen sehr großen Speicher und werden erst über die Jahre entleert.“

Der Ulmer Adipositasforscher befürchtet: „Wir schaffen durch die Operation eine neue Krankheit, da die jungen Patienten ihre Supplemente nicht nehmen. Und wir haben keine Daten, was es für einen 18-Jährigen bedeutet, wenn er 20, 30 oder 40 Jahre mit einem Bypass lebt. Wir wissen nicht, ob er im Alter tatsächlich gesünder ist, als wenn er die Adipositas behalten hätte.“

Gerade bei Jugendlichen sei deshalb die sorgfältige Überprüfung der Voraussetzungen für eine bariatrische Operation wichtig, so Wabitsch, der Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) ist. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), die DAG und weitere Fachgesellschaften haben deshalb spezielle Kriterien für die Erstattung einer solchen Operation bei minderjährigen Patienten entwickelt.

Operation nur für Jugendliche mit psychosozialer Unterstützung

Die Kriterien umfassen neben den klassischen wie BMI und Folgeerkrankungen unter anderem auch das Vorliegen eines psychologischen Gutachtens, den Ausschluss von Alkohol- und Drogenabusus und dass der Patient in einem stabilen und unterstützenden psychosozialen Umfeld lebt und auch nach dem Eingriff leben wird.

„Bei Jugendlichen, die zuhause keinen Halt haben, die nach der Operation niemanden haben, der sie dabei unterstützt, ihre Supplemente einzunehmen und auf eine gewisse Esskultur zu achten, verbietet sich dieser Eingriff. Leider ist dies bei extrem Adipösen häufig der Fall“, erklärt Wabitsch.

 
Bei Jugendlichen, die zuhause keinen Halt haben, … verbietet sich dieser Eingriff. Prof. Dr. Martin Wabitsch
 

Im Zweifel sollte vorher immer eine intensive Lebensstilintervention versucht werden, wie sie etwa von der auf extrem adipöse Jugendliche spezialisierten Abnehmklinik Insula in Berchtesgaden angeboten wird. „Die Jugendlichen nehmen dort sehr gut ab, fast wie nach einer Operation, und ein kleiner Teil schafft es, das Gewicht dann auch zu halten“, so Wabitsch.

Interdisziplinäre Beurteilung und strukturierte Vorbereitung

Als weitere Voraussetzung für eine bariatrische Operation bei Jugendlichen nennt Wabitsch die vorherige Untersuchung durch verschiedene Fachdisziplinen. „Leider werden auch Jugendliche operiert, die eine andere Grunderkrankung haben, entweder eine syndromale Adipositas oder einen Gendefekt“, berichtet der Ulmer Mediziner. Ein Beispiel seien Patienten mit einem Defekt im Leptinrezeptorgen, bei denen bariatrische Eingriffe kaum Wirkung zeigen.

Ein weiterer Schritt in Richtung besserer Langzeitergebnisse, auch im Hinblick auf die Nährstoffversorgung, ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt, die JA-Studie. In dieser Studie wird ein vorbereitendes Schulungsprogramm für Jugendliche an den Universitätszentren in Ulm, Berlin, Datteln, Leipzig und Essen erprobt. „Im Rahmen dieses Programms erhalten die Jugendlichen Schulungseinheiten, die sie auf die Operation vorbereiten sollen. Erst nach Durchlaufen des Schulungsprogramms werden sie dann noch einmal für die Operation evaluiert“, berichtet Wabitsch.

 

REFERENZEN:

1. Inge TH, et al: Lancet Diabetes Endocrinol (online) 5. Januar 2017

2. Olbers T, et al: Lancet Diabetes Endocrinol (online) 5. Januar 2017

 

Kommentar

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