12.-16. November 2016, New Orleans/USA

Koronare Herzerkrankung: Vier Lebensstilfaktoren können das Risiko „gewaltig modifizieren“ – trotz genetischer Risiken

Nadine Eckert

| Interessenkonflikte | 14. November 2016
 

New Orleans – Die Genetik spielt eine große Rolle bei der Entstehung koronarer Herzkrankheiten (KHK), aber schicksalshaft vorherbestimmt ist deren Auftreten nicht. Eine große Untersuchung mit mehr als 55.000 Teilnehmern zeigt, dass das genetische Risiko – selbst wenn es hoch ist –  durch einen günstigen Lebensstil um fast 50% verringert werden kann. Dies berichtete Seniorautor Prof. Dr. Sekar Kathiresan, Direktor des Center for Human Genetics Research am Massachusetts General Hospital in Boston am Sonntag bei der Jahrestagung der American Heart Association (AHA) in New Orleans [1].

Zeitgleich zur Präsentation in New Orleans ist die Studie im New England Journal of Medicine erschienen. Darin ziehen Erstautor Dr. Amit V. Khera, ebenfalls vom Center for Human Genetics Research am Massachusetts General Hospital, und sein Team 3 bemerkenswerte Schlussfolgerungen:

  • Erbliche DNS-Variationen und Lebensstilfaktoren beeinflussen unabhängig voneinander die Suszeptibilität für KHK.

  • Ein gesunder Lebensstil führt in allen genetischen Risikokategorien zu einer vergleichbaren relativen Risikoreduktion für Koronarereignisse. Die absolute Risikoreduktion ist bei denjenigen mit dem höchsten genetischen Risiko am  höchsten.

  • DNS-basierte Risikoschätzungen sind kein vorherbestimmtes Schicksal und bedeuten nicht, dass die Outcomes nicht beeinflusst werden können. Lebensstilfaktoren können unabhängig vom genetischen Risikoprofil des Patienten stark in das tatsächliche Risiko eingreifen.


Die Studie enthält Daten von insgesamt 55.685 Teilnehmern der Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC)-Studie, der Women’s Genome Health Study (WGHS), der Malmö Diet and Cancer Study (MDCS) und der BioImage Study [2].

 
Unsere Ergebnisse liefern Evidenz dafür, dass Lebensstilfaktoren das Risiko unabhängig vom genetischen Risiko gewaltig modifizieren können. Dr. Amit V. Khera
 

Das genetische Risiko für KHK ermittelten Khera und sein Team auf Basis von bis zu 50 Einzelnukleotidpolymorphismen (SNPs), die Studien zufolge eine Assoziation mit KHK aufweisen. Aus ihnen berechneten sie einen genetischen Risiko-Score.

Vier Faktoren sind entscheidend

Als wie gesund der Lebensstil der Teilnehmer eingestuft wurde, hing von 4 Faktoren ab: Nichtrauchen, keine Fettleibigkeit, regelmäßige körperliche Aktivität und gesunde Ernährung. Studienteilnehmer, die mindestens 3 dieser gesunden Lebensstilfaktoren auf sich vereinten, wiesen demnach einen günstigen Lebensstil auf. Lag keiner oder nur einer der 4 Faktoren vor, galt der Lebensstil als ungünstig.

Während der knapp 20-jährigen Nachbeobachtung kam es in der ARIC-Studie zu 1.230 Koronarereignissen – Herzinfarkten, koronaren Revaskularisierungen und Todesfällen aufgrund koronarer Ursachen. In der WGHS-Kohorte waren es 971 solche Ereignisse und in der MDCS-Kohorte 29.012.

Die Wissenschaftler um Khera berichten von der Beobachtung eines Risikogradienten über die Quintilen des genetischen KHK-Risikos hinweg: „Die Teilnehmer mit hohem genetischem Risiko hatten ein signifikant höheres Risiko für Koronarereignisse als diejenigen mit niedrigem genetischem Risiko“, schreiben sie. So war das relative Risiko für ein Koronarereignis bei Teilnehmern im obersten Quintil des genetischen Risiko-Scores 91% höher als bei denjenigen im untersten Quintil des genetischen Risiko-Scores.

Verbesserungen unabhängig vom genetischen Risiko

Unabhängig vom genetischen Risiko-Score galt: Ein günstiger Lebensstil war mit einem substanziell niedrigeren Risiko für Koronarereignisse assoziiert als ein ungünstiger Lebensstil.

Bei den Teilnehmern mit hohem genetischem Risiko war ein günstiger Lebensstil mit einem 46% niedrigeren relativen Risiko für Koronarereignisse assoziiert als ein ungünstiger. Dies entsprach in ARIC einer Reduktion der standardisierten 10-Jahres-Inzidenz von Koronarereignissen von 10,7% auf 5,1% bei günstigem Lebensstil. In WGHS sank die Inzidenz von 4,6% auf 2,0% und in MDCS von 8,2% auf 5,3%.

Die Teilnehmer mit mittlerem oder niedrigem genetischen Risiko konnten ihre Erkrankungswahrscheinlichkeit durch einen günstigen Lebensstil in etwa dem gleichen Ausmaß reduzieren: um 45% bei niedrigem genetischen Risiko und um 47% bei mittlerem genetischen Risiko.

Bei ungesundem Lebensstil helfen auch die besten Gene nicht

Umgekehrt wurde ein geringes genetisches Risiko für KHK durch einen ungünstigen Lebensstil zum großen Teil aufgehoben: Bei den Teilnehmern mit geringem genetischen Risiko betrugen die standardisierten 10-Jahres-Inzidenz-Raten für Koronarereignisse in ARIC 5,8% bei denjenigen mit ungünstigem Lebensstil und 3,1% bei denjenigen mit günstigem Lebensstil in ARIC. Die entsprechenden Werte aus der WGHS betrugen 1,8% und 1,2% und aus der MDCS 4,7% und 2,6%.

Die BioImage Study zeigte, dass sowohl genetische als auch Lebensstilfaktoren mit der Verkalkung der Koronararterien assoziiert sind. In allen genetischen Risikokategorien war ein günstiger Lebensstil signifikant mit einer geringeren Verkalkung verknüpft.

Die Autoren um Khera räumen ein, dass sich nicht feststellen lasse, ob es sich bei der Assoziation der Lebensstilfaktoren mit dem Risiko für Koronarereignisse um eine kausale Beziehung handele, da die Adhärenz gegenüber dem gesunden Lebensstil nicht randomisiert gewesen sei. Dennoch „liefern unsere Ergebnisse Evidenz dafür, dass Lebensstilfaktoren das Risiko unabhängig vom genetischen Risikoprofil des Patienten gewaltig modifizieren können“.

 

REFERENZEN:

1. Scientific Sessions der American Heart Association, 12. bis 16. November 2016, New Orleans/USA

2. Kathiresan S, et al. NEJM (online) 13. November 2016

 

 

Interessenkonflikte

Autor und Experten

Nadine Eckert

Es liegen keine Interessenkonflikte vor.


Kathiresan S, Khera AV: Angaben zu Interessenkonflikten finden sich in der Originalpublikation.

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